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ZF Friedrichshafen steht vor dem tiefgreifendsten Umbau seiner Geschichte. Der Autozulieferer aus Friedrichshafen am Bodensee beschäftigt 150.000 Menschen und erwirtschaftet rund 39 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Als Weltmarktführer bei Getrieben galt ZF lange als Musterbeispiel des deutschen Maschinenbaus. Doch das Unternehmen hat den Technologiewandel in der Automobilindustrie verschlafen und kämpft nun mit den Folgen: zu hohe Kosten, zu starre Strukturen, zu geringe Präsenz in zukunftsträchtigen Segmenten.
Sanierungsplan North Star: Abbau, Umbau, neue Märkte
ZF-Chef Mathias Miedreich (51) hat ein Restrukturierungsprogramm aufgelegt, das intern unter dem Namen North Star läuft. Der Entwurf umfasst 13 Seiten und sieht den Abbau von Tausenden Stellen vor. Gleichzeitig soll ZF neue Geschäftsfelder erschließen und die Abhängigkeit von der Automobilindustrie verringern.
Miedreich hat in den vergangenen Wochen mit Aufsichtsräten, Gewerkschaftsvertretern und dem eigenen Führungskreis gesprochen. Der Widerstand ist erheblich. Die IG Metall beobachtet jeden Schritt genau. Stellenabbau in diesem Umfang ist mitbestimmungspflichtig, Verhandlungen mit dem Betriebsrat werden langwierig sein.
Was ZF symptomatisch macht
ZF steht nicht allein. Das Unternehmen verkörpert ein Muster, das sich in der deutschen Zulieferindustrie wiederholt: starkes Wachstum in der Hochkonjunktur, hohe Fixkostenstruktur, unzureichende Investitionen in Elektromobilität und Software. Als die Nachfrage der Automobilhersteller einbrach, fehlte die Puffermasse. ZF trägt außerdem eine hohe Schuldenlast aus Übernahmen der Wachstumsjahre.
Ob North Star ausreicht, um ZF dauerhaft zu stabilisieren, ist offen. Das Programm muss zeigen, dass neue Geschäftsfelder mehr als ein Platzhalter sind und tatsächlich Margen erzielen, die das Kerngeschäft entlasten.
dm und Wero: Ein konkreter Schritt zur Zahlungsunabhängigkeit
Abseits der Zuliefererindustrie liefert der Drogerieriese dm ein anderes Signal. Das Unternehmen mit Sitz in Karlsruhe akzeptiert künftig Zahlungen über den europäischen Bezahldienst Wero, das Projekt der European Payment Initiative (EPI), einem Zusammenschluss europäischer Banken und Zahlungsdienstleister.
Der Dienst startete im Juli 2024. Er funktioniert ähnlich wie PayPal: Nutzer überweisen Geld in Echtzeit per Mobiltelefon, ohne IBAN eingeben zu müssen. Wero kommt auf rund 7 Millionen Nutzer in Deutschland. PayPal zählt im selben Markt knapp 40 Millionen Nutzer.
Warum der dm-Deal für EPI zählt
Für EPI-Chefin Martina Weimert (61) ist die Vereinbarung mit dm-Finanzchef Martin Dallmeier (55) ein strategischer Fortschritt. Wero war bislang vor allem ein Dienst für private Überweisungen zwischen Einzelpersonen. Die Einbindung in den Einzelhandel ist der nächste Schritt: Erst wenn Verbraucher Wero auch an der Kasse nutzen können, entsteht echter Wettbewerb zu PayPal und den US-Kartensystemen.
Der Bekanntheitsgrad bleibt ein Problem. Zwei Jahre nach dem Start kennt ein Großteil der deutschen Bevölkerung den Dienst nicht. Das bremst das Wachstum. dm kann als frequentierter Einzelhändler dazu beitragen, das zu ändern – ob Kunden den Wechsel aber tatsächlich vollziehen, ist offen.
Relevanz für Einkauf und Finanzabteilungen
Für Unternehmen, die Zahlungsinfrastruktur und Zahlungskonditionen steuern, ist Wero ein Beobachtungsfall. PayPal und internationale Kartennetzwerke berechnen Händlern Transaktionsgebühren. Europäische Alternativen könnten diese Kosten drücken, sofern sie ausreichend Marktanteile gewinnen. Bislang ist Wero dafür zu klein. Der dm-Deal ist ein Signal, aber noch kein Beweis für eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse.
Fazit
ZF North Star und dm Wero sind auf den ersten Blick unverbundene Nachrichten. Beiden liegt aber dieselbe Frage zugrunde: Können etablierte deutsche und europäische Strukturen unter Druck neu aufgestellt werden? Bei ZF entscheidet sich das in Tarifverhandlungen und auf den Auftragsbüchern der nächsten Jahre. Bei Wero hängt es am Verhalten von Millionen Verbrauchern an der Kasse. Beide Fälle verdienen operative Aufmerksamkeit, nicht nur strategisches Interesse.




















