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Die Strategie war populär: Produktion aus China heraus, rein in ein Nachbarland, um US-Zölle zu umgehen und Abhängigkeiten zu reduzieren. Vietnam galt als erste Wahl. Doch die Rechnung geht für eine wachsende Zahl von Herstellern nicht auf. Erste Betriebe holen ihre Fertigung zurück nach China.
Konkrete Fälle aus der Praxis
Die Rückverlagerung ist kein Einzelphänomen. US-Kunden des chinesischen Geräteherstellers Zhongshan Letu ließen Gussformen für mehr als eine Million Ventilatoren von Vietnam in die Provinz Guangdong zurücktransportieren. Ein Möbelhersteller zog einen Auftrag für höhenverstellbare Schreibtische aus Vietnam ab und vergab ihn erneut an einen Betrieb in Dongguan, Südchina.
Beide Fälle stehen für ein Muster, das sich in mehreren Sektoren zeigt. Die Bewegung verläuft leise, ohne offizielle Ankündigungen. Unternehmen ziehen Konsequenzen aus operativen Problemen, nicht aus strategischen Absichtserklärungen.
Warum Vietnam an Grenzen stößt
Infrastruktur und Versorgungssicherheit
Vietnam hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fertigungskapazitäten aufgebaut. Doch die Infrastruktur hält mit dem Tempo nicht Schritt. Stromausfälle unterbrechen Produktionsläufe. Das ist für Betriebe mit eng getakteten Lieferplänen ein ernstes Problem. Wer Taktzeiten präzise kalkuliert, kann ungeplante Ausfälle nicht einfach auffangen.
Lieferzeiten und Zuliefernetz
China hat ein dichtes Netz an Zulieferern, Werkzeugmachern und Logistikdienstleistern, das über Jahrzehnte gewachsen ist. In Vietnam müssen viele Vorprodukte importiert werden, oft aus China selbst. Das verlängert Lieferketten und erhöht die Komplexität. Was als Diversifizierung gedacht war, erzeugt in der Praxis neue Abhängigkeiten.
Kostenstruktur
Die Lohnkosten in Vietnam sind zwar niedriger als in chinesischen Küstenprovinzen. Doch der Kostenvorteil schwindet, wenn Logistik, Qualitätssicherung und Ausfallzeiten eingerechnet werden. Chinas Fertigungsindustrie setzt verstärkt auf Automatisierung. Mit einer Roboterdichte von 470 Einheiten pro 10.000 Beschäftigte belegt China Rang drei weltweit. Hohe Automatisierung drückt die Stückkosten unabhängig vom Lohnniveau.
Die Zollfrage bleibt ungelöst
Die ursprüngliche Motivation vieler Verlagerungen war das Umgehen von US-Zöllen auf chinesische Waren. Doch auch dieser Kalkül ist komplizierter geworden. Die US-Regierung hat ihre Prüfmechanismen für Ursprungsregeln verschärft. Produkte, die nur geringfügig in Vietnam weiterverarbeitet werden, gelten weiterhin als chinesischen Ursprungs. Die USA haben auch auf vietnamesische Waren Zölle verhängt. Der geografische Umweg verliert damit seinen zollpolitischen Vorteil.
Chinas verarbeitende Industrie behauptet ihre Position auch unter hohem Zolldruck. Relevant sind dabei fünf Faktoren: Skalierung der Produktion, Tiefe des Zuliefernetzes, Automatisierungsgrad, Infrastruktur und die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte. Diese Kombination ist kurzfristig nicht replizierbar.
Was das für Einkauf und Produktion bedeutet
Für deutsche Industrie- und Mittelstandsunternehmen, die selbst Beschaffungsstrategien in Südostasien verfolgen, ist die Entwicklung ein Signal. Vietnam bleibt ein relevanter Produktionsstandort, aber nicht für alle Produkte und nicht ohne sorgfältige Prüfung der Infrastrukturvoraussetzungen.
Einkäufer sollten Lieferantenaudits in Vietnam um die Komponenten Stromversorgung, lokale Zuliefertiefe und Logistikanbindung ergänzen. Wer auf schnelle Lieferzyklen angewiesen ist, trägt in Vietnam andere Risiken als in etablierten chinesischen Industriezentren.
Produktionsleiter, die Verlagerungsentscheidungen bewerten, sollten Gesamtkosten über den Lohnkostenvorteil hinaus kalkulieren. Dazu gehören Anlaufkosten, Qualifizierungsaufwand, Ausfallwahrscheinlichkeiten und Zollrisiken.
Fazit
Die Rückverlagerung einzelner Fertigungsbetriebe von Vietnam nach China zeigt die Grenzen von Diversifizierungsstrategien, bedeutet aber kein Ende davon. Chinas Fertigungsinfrastruktur ist tief, breit und hoch automatisiert. Das lässt sich nicht durch eine geografische Verschiebung ersetzen. Wer Lieferketten neu ordnen will, braucht einen langen Planungshorizont und eine nüchterne Bewertung der operativen Realität vor Ort.




















