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Ein geflochtenes Faserseil statt Stahldraht: Was vor rund zehn Jahren noch nach einem Laborversuch klang, ist heute ein Serienprodukt. Das aus der TU Chemnitz hervorgegangene Unternehmen PI ROPE fertigt Laufräder für Mountainbikes, Gravelbikes und Rennräder mit textilen Speichen aus Vectran-Fasern. Komplette Rennrad-Laufradsätze der 2026 vorgestellten Strada-Serie starten laut Hersteller bei 850 Gramm. Die verwendeten Vectran-Speichen wiegen nach Herstellerangaben rund 2,2 Gramm pro Stück.
Warum Textil als Speiche funktioniert
Eine Fahrradspeiche trägt keine Druckkräfte. Sie arbeitet als vorgespanntes Zugglied innerhalb eines Systems, das die Radlast über die gesamte Speichenstruktur verteilt. Diese Grundeigenschaft machte Hochleistungsfasern für die Chemnitzer Forscher interessant.
Bei einem gleichmäßig vorgespannten Laufrad verändern sich unter Belastung die Zugkräfte in den einzelnen Speichen ständig. Jede Speiche durchläuft beim Rollen wechselnde Spannungszustände. Keine Speiche darf dabei vollständig entlastet werden. Sinkt die Spannung auf null, kann sich die Speiche lockern und das Laufrad verliert seine Formstabilität.
Für ein Zugglied ist Stahl also kein Muss. Die eigentliche Herausforderung lag woanders: in der Krafteinleitung an den Enden der Speiche, also an Nabe und Felge.
Festigkeitswerte aus den frühen Versuchen
Die frühen Versuche an der TU Chemnitz liefern konkrete Zahlen. Herkömmliche Stahlspeichen versagten im Zugversuch erst bei knapp 2900 Newton. Als Mindestbruchlast für den Einsatz im Laufrad wurden damals rund 1000 bis 1500 Newton angesetzt.
Eine daraufhin entwickelte geflochtene Speiche aus Technora T200 mit 2,2 Millimeter Durchmesser hielt im Zugversuch bis ungefähr 5200 Newton stand. Das entspricht dem knapp 1,8-fachen Wert der getesteten Stahlspeiche. Für ein Versuchslaufrad wurden die textilen Speichen mit jeweils rund 1100 Newton vorgespannt.
Damit war die prinzipielle Eignung nachgewiesen. Das Materialproblem war lösbar. Das Verbindungsproblem blieb.
Das kritische Detail: die Endverbindung
Bei einer Stahlspeiche lassen sich Kopf, Gewinde und Nippel aus demselben Werkstoff fertigen. Bei einem geflochtenen Faserseil ist das anders. Die Krafteinleitung an den Enden schwächt das Material genau dort, wo die höchsten Kräfte auftreten.
Die Lösung dieses Problems war ein wesentlicher Teil der Entwicklungsarbeit in Chemnitz. Erst eine belastbare Endverbindung machte aus dem Faserseil eine einsatzfähige Speiche. PI ROPE setzt heute auf speziell abgestimmte Naben und Felgen, die auf die textilen Zugglieder ausgelegt sind.
Vom Technora zu Vectran
Während die frühen Laborversuche mit Technora T200 arbeiteten, setzt PI ROPE im Serieneinsatz auf Vectran. Beide sind synthetische Hochleistungsfasern mit hoher Zugfestigkeit und geringem Gewicht. Vectran ist ein Flüssigkristallin-Polyester mit geringer Kriechneigung. Das ist für eine dauerhaft vorgespannte Speiche relevant, weil sich das Material unter Dauerlast nicht dehnen darf.
Was das für Einkauf und Produktion bedeutet
Kein einfaches Nachrüsten
Textile Speichen lassen sich nicht in beliebige Laufräder einbauen. Naben und Felgen müssen auf das System abgestimmt sein. Wer textile Speichen beschaffen oder verbauen will, kauft kein einzelnes Bauteil, sondern ein aufeinander abgestimmtes System.
Das ist für Zulieferer und Einkäufer im Fahrradsektor relevant. Standardkomponenten und textile Speichen sind nicht direkt kompatibel. Das schränkt den Markt auf spezialisierte Anbieter ein und erhöht die Abhängigkeit vom jeweiligen Systemlieferanten.
Nischenprodukt mit klarem Anwendungsbereich
PI ROPE adressiert den Hochleistungsbereich: ultraleichte Rennräder, Gravelbikes, Mountainbikes im oberen Preissegment. Für diesen Bereich ist das Gewicht des Laufrads ein kaufentscheidender Faktor. Ein Laufradsatz unter 850 Gramm ist für entsprechende Käufer ein konkretes Argument.
Im Massenmarkt bleibt die Stahlspeiche dominant. Fertigungskosten, Systemkompatibilität und die nötige Infrastruktur für Wartung und Reparatur sprechen dort weiter für den bewährten Werkstoff.
Fazit
Der Weg von der Chemnitzer Forschungsidee zum Serienprodukt dauerte rund zehn Jahre. Das Ergebnis ist ein funktionsfähiges System für ein klar definiertes Marktsegment. PI ROPE hat gezeigt, dass sich werkstofftechnische Grundlagenforschung in ein marktreifes Produkt überführen lässt, wenn Verbindungstechnik und Systemintegration mitgedacht werden. Für die Branche bleibt das Beispiel relevant: wegen des konsequenten Wegs vom Laborversuch zur skalierbaren Fertigung.




















