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Knapp die Hälfte der Belegschaft des Bauunternehmens Matthäi beteiligt sich am eigenen Unternehmen als stille Gesellschafter. Das ist für die Baubranche ungewöhnlich. Der Konzern mit Sitz in Verden (Aller) hat das Programm 2018 eingeführt. Seitdem nutzt es ein erheblicher Teil der rund 3.500 Beschäftigten, darunter viele gewerbliche Mitarbeiter auf Baustellen.
Warum ein Bauunternehmen Kapital von Mitarbeitern einsammelt
Matthäi ist an mehr als 75 Standorten tätig und baut Straßen, Brücken, Schienen und Industriehallen. Rund 70 Prozent der Belegschaft arbeiten gewerblich, also direkt auf Baustellen. Genau diese Gruppe ist schwer zu halten. Die Fluktuation in der Baubranche ist strukturell hoch.
Prokurist Nicolas Brunken nennt zwei Ziele des Programms. Erstens: Mitarbeiterbindung, die über klassische Einmalzahlungen hinausgeht. Zweitens: Innenfinanzierung. Das Unternehmen erhält Kapital von der eigenen Belegschaft und zahlt dafür Zinsen, statt sich ausschließlich an Banken zu wenden.
Das Modell: Stille Beteiligung über eine eigene GmbH
Matthäi hat für das Programm eine eigene Beteiligungsgesellschaft in der Rechtsform einer GmbH gegründet. Die Beschäftigten beteiligen sich daran als stille Gesellschafter. Bei einer stillen Beteiligung tritt der Beteiligte nach außen nicht in Erscheinung. Er ist am Gewinn beteiligt, eine Verlustbeteiligung kann vertraglich ausgeschlossen werden.
Die Struktur ist damit klar abgegrenzt vom operativen Geschäft. Für die Mitarbeitenden bedeutet das: Beteiligung am Unternehmenserfolg ohne gesellschaftsrechtliche Mitsprache oder Haftungsrisiken.
Drei Einzahlungswege, niedrige Einstiegsschwelle
Das Programm sieht drei Varianten der Einzahlung vor. Variante eins ist ein monatlicher Sparplan ab 20 Euro. Variante zwei ist eine Einmalzahlung über die Lohn- oder Gehaltsabrechnung ab 240 Euro. Variante drei ist eine Direktüberweisung an die Beteiligungsgesellschaft ab 1.000 Euro. Das jährliche Einzahlungsmaximum liegt bei 20.000 Euro.
In der Praxis wählen die meisten Beschäftigten laut Brunken Beträge von 30 oder 50 Euro monatlich über den Sparplan. Die niedrige Einstiegsschwelle war eine bewusste Konstruktionsentscheidung: Gewerbliche Mitarbeiter sollten nicht durch hohe Mindestbeträge ausgeschlossen werden.
Arbeitgeberzuschuss bis 360 Euro jährlich
Auf Einzahlungen über die Lohn- oder Gehaltsabrechnung legt Matthäi einen Zuschuss in gleicher Höhe oben drauf. Die Obergrenze liegt bei 360 Euro pro Jahr. Dieser Betrag entsprach beim Programmstart 2018 dem steuerlichen Freibetrag für Mitarbeiterbeteiligungen. Seitdem hat der Gesetzgeber den Freibetrag angehoben.
Was das Modell für andere Mittelständler bedeutet
Matthäi ist kein Sonderfall. Der Druck auf Mittelständler, Fachkräfte zu halten, ist branchenübergreifend. Die Baubranche ist dabei besonders exponiert: hohe körperliche Belastung, saisonale Schwankungen, intensiver Wettbewerb um gewerbliches Personal.
Das Matthäi-Modell zeigt, dass Kapitalbeteiligung nicht auf Führungskräfte oder wissensintensive Branchen beschränkt sein muss. Der Schlüssel liegt in der Gestaltung: niedrige Einstiegsschwellen, einfache Einzahlungswege und eine klare rechtliche Struktur.
Für Unternehmen mit stabiler Ertragslage hat das Modell einen weiteren Effekt: Die Innenfinanzierungsquote steigt. Kapital aus der Belegschaft ersetzt oder ergänzt Fremdkapital. Die Zinsen fließen an Mitarbeiter statt an externe Gläubiger.
Allerdings setzt das Modell Voraussetzungen voraus. Das Unternehmen muss Gewinne erwirtschaften, die eine Beteiligung sinnvoll machen. Die Verwaltung der Beteiligungsgesellschaft erzeugt laufenden Aufwand. Und die Kommunikation gegenüber einer gewerblich geprägten Belegschaft erfordert klare, verständliche Erklärungen.
Fazit
Matthäi hat mit der stillen Beteiligung ein Instrument eingeführt, das zwei betriebswirtschaftliche Ziele gleichzeitig verfolgt: Bindung von Personal und Stärkung der Eigenfinanzierung. Die Beteiligungsquote von knapp 50 Prozent nach mehreren Jahren zeigt, dass das Modell in einer gewerblich geprägten Belegschaft angenommen wird. Für Mittelständler mit ähnlichem Personalumfeld ist das ein praxisnaher Referenzpunkt. Ob die Übertragung gelingt, hängt von der Ertragsstärke des Unternehmens und dem Aufwand für Einführung und Betrieb ab.




















