Hinweis: Das Beitragsbild wurde mit künstlicher Intelligenz erzeugt.
Schiffe fahren auf dem Rhein derzeit nur mit reduzierter Ladung. Für Unternehmen entlang der wichtigsten deutschen Binnenwasserstraße bedeutet das höhere Transportkosten, volle Lager und unter Druck geratene Lieferketten. Ob das die Inflationsrate spürbar treibt, beantworten Fachleute unterschiedlich.
Agrarhändler unter Druck
Die Raiffeisen Waren-Zentrale Rhein-Main AG (RWZ) mit Standorten in Andernach und Worms gehört zu den größten Agrarhandelshäusern Deutschlands. Geschäftsführer Christoph Kempkes beziffert das Problem konkret: Das Unternehmen erfasst in der Erntesaison rund 500.000 Tonnen Getreide. Etwa die Hälfte davon muss per Schiff abgeführt werden. Das geht derzeit kaum.
Die Lager laufen voll, weil der Wasserweg blockiert ist. Kempkes hat auf Lkw-Transport umgestellt, doch die Kapazitäten sind knapp. Die Frachtkosten steigen punktuell auf das Doppelte des normalen Niveaus. Viele Standorte haben nicht die technische Infrastruktur für einen raschen Wechsel auf Schiene oder Straße.
Ein weiteres Problem zeichnet sich für den Herbst ab. Agrarhändler belegen zu dieser Jahreszeit ihre Lager mit Düngemitteln für das Frühjahr. Kempkes erwartet steigende Preise, weil Transport und Vorfinanzierung aufwendiger werden als in normalen Jahren.
IHK-Umfrage: 72 Prozent der Betriebe betroffen
Die Industrie- und Handelskammer Rheinhessen hat Unternehmen in der Region befragt. Das Ergebnis: 72 Prozent melden Beeinträchtigungen durch höhere Transportkosten, umgesteuerte Logistik und Produktionseinschränkungen. Transportmehrkosten von 50 Prozent und mehr sind laut IHK keine Ausnahme.
IHK-Hauptgeschäftsführerin Karina Szwede stellt klar, dass trotz leicht gestiegener Rheinpegel keine Entwarnung gilt. Schiffe können weiterhin nur mit verringerter Ladung fahren. Das betrifft vor allem Chemie-, Industrie- und Handelsunternehmen direkt am Rhein.
Auch auf der Donau in Niederbayern hat das Niedrigwasser Folgen für die Binnenschifffahrt. Der BDI hatte gewarnt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis einzelne Anlagen abgeschaltet werden müssten.
Inflationsrisiko: Ökonomen sehen begrenzte Wirkung
Ralph Solveen, stellvertretender Leiter Economic Research bei der Commerzbank, beobachtet die Lage seit Wochen. Sein Urteil ist nüchtern: Das Niedrigwasser habe die Konjunktur leicht gebremst, aber die Unternehmensstimmung sei zuletzt sogar etwas gestiegen.
Die gestiegenen Frachtkosten schlagen sich nach seiner Einschätzung nicht unmittelbar in Verbraucherpreisen nieder. Der Konkurrenzdruck sei zu hoch, als dass Betriebe Mehrkosten einfach weitergeben könnten. Betroffen ist außerdem nicht die gesamte Industrie, sondern vor allem der Südwesten Deutschlands entlang der Rheinroute.
Ökonomen der Berenberg Bank hatten berechnet, dass ein Rekord-Niedrigwasser die deutsche Inflationsrate temporär um bis zu einen halben Prozentpunkt anheben könnte. Das setzt jedoch anhaltend niedrige Pegel voraus. Solveen erwartet dieses Szenario derzeit nicht, warnt aber vor dauerhaft hohen Energiepreisen als eigenem Kostentreiber.
Strukturproblem: Der Rhein als Engpassrisiko
Der Rhein ist die meistbefahrene Binnenwasserstraße Europas. Chemie-, Stahl- und Energieunternehmen sind auf sie angewiesen, weil Massengüter wie Kohle, Mineralöl und Chemikalien per Schiff günstiger transportiert werden als auf der Straße. Fällt diese Route aus oder wird teurer, trifft das die gesamte Wertschöpfungskette.
RWZ-Chef Kempkes sieht die Mehrkosten für Transport, Energie und Zinsen vor allem bei Landwirten und Agrarhändlern hängen bleiben. Für den Verbraucher im Supermarkt rechnet er nicht mit deutlich höheren Preisen, weil der Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel zu stark ist und ausländische Anbieter Druck ausüben.
Fazit
Das Niedrigwasser am Rhein belastet Unternehmen in der Logistik, im Agrarhandel und in der Industrie real und messbar. Transportkosten steigen teils auf das Doppelte. Lagerkapazitäten sind eng. Eine breite Inflationswelle erwarten Ökonomen derzeit nicht, solange sich die Pegel weiter erholen. Für Betriebe, die strukturell auf den Wasserweg angewiesen sind, zeigt die aktuelle Lage, wie verletzlich eingleisige Transportkonzepte sind.




















