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Drei Engpässe beschäftigen die Energiewirtschaft gleichzeitig: der stockende Wasserstoffhochlauf, die ungewisse Zukunft von fast 10.000 Biogasanlagen und der politische Streit um CO₂-Abscheidung. Das Start-up Reverion aus Eresing bei München hat ein containerisiertes Kraftwerk entwickelt, das alle drei Punkte in einem Gerät adressiert. Die Anlage erzeugt Strom aus Biogas, wandelt Überschussstrom in Wasserstoff um und scheidet das anfallende CO₂ ab. Gemessener elektrischer Wirkungsgrad: 74,2 Prozent, ein globaler Rekordwert für diese Geräteklasse.
Wie das reversible System funktioniert
Im Kern der Anlage arbeiten keramische Festoxid-Brennstoffzellen, sogenannte SOFCs. Sie wandeln Gas bei hoher Temperatur elektrochemisch in Strom um, ohne Verbrennung und ohne bewegliche Teile. Die Zellen sind umkehrbar: Dieselben Zellen lassen sich als Festoxid-Elektrolyseur, kurz SOEC, betreiben. Bei Stromüberschuss aus Wind- oder Solaranlagen produzieren sie grünen Wasserstoff oder synthetisches Methan. Ein separater Elektrolyseur entfällt damit vollständig.
Die CO₂-Abscheidung ist kein nachträglicher Zusatz, sondern eine direkte Folge der Funktionsweise. Weil keine Verbrennung mit Luft stattfindet, bleibt im Abgas kein Stickstoff zurück. Es verbleiben im Wesentlichen CO₂ und Wasserdampf, die sich ohne großen Aufwand trennen lassen. Das abgeschiedene CO₂ kann industriell genutzt oder eingespeichert werden.
Wo die eigentliche Entwicklungsleistung liegt
Das Funktionsprinzip von Festoxidzellen ist in der Forschung seit Jahren bekannt. Reverion, eine Ausgründung der Technischen Universität München, sieht den Innovationskern nicht in der Zelle selbst, sondern im sogenannten Balance of Plant: dem gesamten Systemumfeld der Zelle, also Wärmeführung, Druckmanagement und Steuerung beim Moduswechsel. Beim Umschalten zwischen Stromerzeugung und Elektrolyse muss die Betriebstemperatur in einem engen Fenster gehalten werden. Weicht sie ab, sinkt die Lebensdauer der Keramikkomponenten. Die Kombination bekannter Prozessmanagement-Technologien in dieser Form sei neu, so das Unternehmen.
Einsatz an Biogasanlagen
Ein Praxisbeispiel ist die Biomethananlage der Stadtwerke Mühlacker. Dort steht eine Reverion-Anlage im Betrieb und hat den Wirkungsgrad-Rekord unter realen Bedingungen erzielt. Biogasanlagen stehen unter Druck: Das aktuelle EEG verlangt mehr Flexibilität und weniger garantierte Betriebsstunden. Anlagen, die zwischen Stromerzeugung und Wasserstoffproduktion wechseln können, sind in diesem Umfeld wirtschaftlich attraktiver als reine Stromerzeuger.
Serienproduktion mit Doosan Fuel Cell
Für den Schritt in die Großserie hat Reverion einen Liefervertrag mit dem südkoreanischen Unternehmen Doosan Fuel Cell geschlossen. Vertragsvolumen: rund 76 Millionen US-Dollar. Doosan liefert die Brennstoffzellen-Stacks, die Kernkomponente der Anlage. Für Doosan ist es nach eigenen Angaben der größte internationale Auftrag der Unternehmensgeschichte. Der Konzern gehört zu den größten Industrieunternehmen Südkoreas.
Technologiebasis der Doosan-Stacks
Die von Doosan gefertigten Stacks basieren auf einer Kooperation mit dem britischen Unternehmen Ceres Power. Sie arbeiten bei rund 620 Grad Celsius. Klassische Festoxidzellen benötigen über 800 Grad. Die niedrigere Betriebstemperatur erlaubt eine breitere Materialauswahl und verlängert die Lebensdauer der Komponenten. Doosan produziert diese Stacks bereits in etablierter Serienfertigung. Seit dem vergangenen Jahr laufen sie im kommerziellen Dauerbetrieb an Reverion-Kundenstandorten.
Was das für Betreiber bedeutet
Für Betreiber von Biogasanlagen oder Industriestandorten mit schwankender Stromeinspeisung ist das Konzept relevant: Die Anlage amortisiert sich nicht allein über die Stromerzeugung, sondern über mehrere parallele Erlösströme. Dazu zählen Wasserstoffverkauf, CO₂-Verwertung und Flexibilitätsprämien im Stromnetz. Wie sich diese Erlösströme im konkreten Einzelfall rechnen, hängt von Standort, Gasqualität und Netzanschluss ab.
Der Wirkungsgrad von 74,2 Prozent ist belegbar und unter realen Betriebsbedingungen erzielt worden. Damit liegt die Anlage deutlich über klassischen Blockheizkraftwerken, die elektrisch selten über 40 Prozent kommen. Die Großserie hat mit dem Doosan-Vertrag eine industrielle Grundlage. Ob Reverion die Skalierung im geplanten Tempo umsetzt, wird sich an den nächsten Auslieferungszahlen zeigen.




















