Hinweis: Das Beitragsbild wurde mit künstlicher Intelligenz erzeugt.

Russland verkauft sein Öl weiter, trotz aller westlichen Sanktionen. Eine Analyse von 657 Tankern der sogenannten Schattenflotte zeigt, wie der Kreml seine Exportrouten systematisch umgebaut hat. Die Milliarden fließen. Der Krieg wird finanziert.

Der Bosporus als Nadelöhr

Mitten durch Istanbul, vorbei an Fähren und Touristenbooten, fahren sie durch: Tanker wie die Chem Helen, registriert in Liberia, tief im Wasser liegend. Das Schiff gehört zur russischen Schattenflotte. Im August 2026 steuerte es die Tupras-Izmit-Raffinerie im Marmarameer an.

Die Türkei ist ein zentrales Drehkreuz. Sie hat die westlichen Sanktionen nicht übernommen. Türkische Häfen und Raffinerien nehmen russisches Öl ab. Das ist legal, aus türkischer Sicht. Für europäische Einkäufer, die auf Compliance achten müssen, ist es ein Problem: Russisches Öl taucht in Lieferketten auf, oft verschleiert durch Umschlag und Weiterverarbeitung.

Schattenflotte: Struktur und Ausmaß

Die Schattenflotte besteht aus Tankern, die außerhalb westlicher Versicherungs- und Finanzierungsnetzwerke operieren. Sie sind häufig in Liberia, Panama oder auf den Marshall-Inseln registriert. Westliche Versicherungen wie die international übliche P&I-Deckung fehlen oft.

Die Analyse von 657 Tankern zeigt ein klares Muster. Die Schiffe nutzen mehrere Routen: durch den Bosporus in Richtung Mittelmeer, über den Suezkanal nach Asien sowie direkte Verbindungen in den Persischen Golf. Zwischenstopps in Drittstaaten sollen den Ursprung der Ladung verschleiern.

Indische und chinesische Raffinerien sind die Hauptabnehmer. Beide Länder kaufen russisches Rohöl mit erheblichen Preisabschlägen gegenüber dem Weltmarktpreis. Der sogenannte Preisdeckel der G7-Staaten, der russisches Öl auf 60 US-Dollar pro Barrel begrenzen soll, greift bei diesen Käufern nicht.

Auch interessant  Wasserstoffstrategie: Große Pläne, schleppende Umsetzung

Was Sanktionen leisten und wo sie scheitern

Die EU-Außenbeauftragte Kallas sprach von einem Billionenschaden für die russische Wirtschaft durch westliche Sanktionen. Das stimmt in Teilen: Russland hat keinen Zugang mehr zu westlicher Technologie, westlichen Kapitalmärkten und bestimmten Gütern. Die Rüstungsindustrie leidet unter Engpässen.

Doch der Ölsektor funktioniert anders. Öl ist ein globales Gut. Wer es nicht kauft, macht Platz für andere. Russland hat seinen Absatz nach Asien verlagert, mit Preisnachlass, aber mit Volumen. Die Exporteinnahmen sind gesunken, aber nicht kollabiert.

Der Kreml hat gleichzeitig den Druck auf russische Unternehmen erhöht. Berichten zufolge warnte Putin russische Firmen, dass der Staat ihre Vermögenswerte im Ausland nicht schützen könne. Das Signal: Wer ins Ausland ausweicht, tut das auf eigenes Risiko.

Bedeutung für Einkauf und Compliance

Für Industrieunternehmen in Deutschland und Europa ergeben sich konkrete Risiken. Raffinierte Produkte, die über türkische oder indische Anlagen laufen, können russischen Rohstoff enthalten. Eine vollständige Rückverfolgung der Lieferkette bis zur Rohölquelle ist komplex, aber für Compliance-Abteilungen relevant.

Wer Mineralöl, Schmierstoffe oder petrochemische Vorprodukte bezieht, sollte seine Lieferanten nach Ursprungsnachweisen fragen. Europäische Sanktionsgesetze treffen nicht nur den direkten Kauf russischen Öls. Auch der Erwerb von Gütern, bei denen ein Sanktionsverstoß in der Lieferkette vorliegt, kann Konsequenzen haben.

Versicherungen und Banken prüfen das bereits schärfer. Wer mit Tankern oder Frachtunternehmen zu tun hat, die auf Sanktionslisten stehen, riskiert Geschäftsunterbrechungen und Reputationsschäden.

Fazit

Russlands Ölexporte laufen weiter, strukturiert, skaliert und schwer zu stoppen. Die Schattenflotte ist kein Randphänomen, sondern ein funktionierendes System. Für Einkaufs- und Compliance-Verantwortliche in deutschen Unternehmen bedeutet das: Die Herkunft von Rohstoffen und Zwischenprodukten muss genauer geprüft werden als bisher. Die Lieferkette endet nicht an der türkischen oder indischen Grenze.

Auch interessant  China als Partner und Risiko: Wie Unternehmen doppelt kalkulieren