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Proxima Fusion, das Münchner Start-up mit einer Bewertung von 2,4 Milliarden Euro, plant den Aufbau einer Fabrik für Hochtemperatur-Supraleiter in Niedersachsen. Die Landesregierung unterstützt das Vorhaben finanziell; beide Seiten haben dazu eine Vereinbarung in Hannover unterzeichnet. Für Industrieunternehmen ist das aus zwei Gründen relevant: als Signal für den Aufbau einer europäischen Lieferkette bei einem bislang importabhängigen Schlüsselmaterial und als Hinweis auf eine neue Bezugsquelle für eine Komponente, die auch außerhalb der Fusionsforschung gefragt ist.
Warum Hochtemperatur-Supraleiter strategisch bedeutsam sind
Hochtemperatur-Supraleiter, kurz HTS, sind Keramikbänder mit einer besonderen Eigenschaft: Bei Temperaturen um minus 180 Grad Celsius leiten sie elektrischen Strom ohne Widerstand. Das erlaubt extrem starke Magnetfelder bei vergleichsweise geringem Energieaufwand. Proxima Fusion braucht diese Bänder für die Spulen seines geplanten Stellarators, einem bestimmten Reaktortyp zur Kernfusion. Der Reaktor, intern „Stellaris“ genannt, soll 23 Meter Durchmesser haben und ein Gigawatt elektrische Leistung erzeugen. Das entspricht in etwa der früheren Kapazität des Kernkraftwerks Isar-2.
Bislang stellen Japan, China und die USA HTS-Bänder in industriellem Maßstab her. Europa ist vollständig abhängig von Importen. Diese Abhängigkeit betrifft auch andere Bereiche als die Fusionsforschung: HTS-Materialien werden in der Medizintechnik, bei Hochleistungsmagneten für MRT-Geräte und in der Energieübertragung eingesetzt. Eine europäische Produktion würde Lieferrisiken reduzieren.
Zeitplan und Finanzierungsbasis
Proxima Fusion hat in seiner jüngsten Finanzierungsrunde 411 Millionen Euro eingesammelt. Zu den Investoren gehören RWE und Google. Das Unternehmen plant, bis 2031 einen funktionsfähigen Prototypen des Stellarators zu bauen. Die Fabrik in Niedersachsen ist ein Vorbereitungsschritt dafür. Ohne eigene Versorgung mit HTS-Bändern in ausreichender Menge und Qualität wäre der Zeitplan kaum zu halten.
Mit RWE hat Proxima Fusion einen Partner aus der konventionellen Energiewirtschaft gewonnen. RWE ist daran interessiert, in Bayern das erste Magnetfusionskraftwerk zu errichten, sofern der Prototyp die technischen Anforderungen erfüllt. Ein etablierter Energieversorger bindet sich damit früh an ein Technologieprojekt, dessen Realisierung noch mehrere Entwicklungsschritte entfernt ist.
Was die geplante Fabrik für Zulieferer und Abnehmer bedeutet
Der Aufbau einer HTS-Produktion in Niedersachsen schafft potenziell neue Beschaffungsoptionen für Industrien, die auf Supraleiter angewiesen sind, darunter Hersteller von Medizingeräten, Forschungseinrichtungen und Betreiber von Energieinfrastruktur. Konkrete Lieferkapazitäten, Preise oder Zertifizierungen für externe Abnehmer hat Proxima Fusion bislang nicht kommuniziert.
Für Maschinenbauer und Anlagenbauer in der Region Hannover ergibt sich möglicherweise Geschäftspotenzial. Der Aufbau einer Fabrik für Hochleistungskeramik und Supraleiter-Komponenten erfordert spezialisierte Prozessanlagen, Reinraumtechnik und präzise Fertigungssteuerung. Welche Teile der Wertschöpfungskette Proxima Fusion selbst abbilden will und wo Kooperationen geplant sind, ist noch nicht öffentlich bekannt.
Fazit
Proxima Fusion treibt die Reaktorentwicklung voran und beginnt parallel, kritische Lieferketten in Europa aufzubauen. Die geplante HTS-Fabrik in Niedersachsen adressiert eine reale Importabhängigkeit bei einem Material, das für mehrere Branchen relevant ist. Ob der Zeitplan bis 2031 hält und ob die Fabrik externe Abnehmer beliefern wird, ist offen. Unternehmen, die Supraleiter einsetzen oder in deren Lieferkette tätig sind, sollten diese Entwicklung verfolgen.




















