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Seit zwei Jahren wurden in Deutschland keine neuen Offshore-Windparkprojekte ausgeschrieben. Das trifft Hersteller, Zulieferer und Werften gleichermaßen. Der deutschen Offshore-Windbranche fehlen nach eigenen Angaben Aufträge im Wert von rund 40 Milliarden Euro für die kommenden Jahre. Die Lücke entsteht genau dann, wenn das politische Ausbauziel von 30 Gigawatt installierter Leistung bis 2030 eigentlich Fahrt aufnehmen müsste. Derzeit sind 29 Windparks in deutschen Gewässern in Betrieb.
Kapazitäten ohne Auslastung
Robert Dreves, Geschäftsführer von EEW Special Pipe Constructions in Rostock, beschreibt die Lage konkret. Sein Unternehmen produziert Monopiles: Stahlfundamente für Offshore-Windräder, bis zu 70 Meter lang und bis zu 2.000 Tonnen schwer. Sie werden mit Spezialschiffen ins Meer transportiert und in den Meeresboden gerammt. Nach Jahren mit stabiler Auslastung drohen die aufgebauten Kapazitäten nun teilweise leer zu stehen. Besonders die Jahre 2027 und 2028 bereiten der Branche Sorgen.
Karina Würtz, Chefin der Stiftung Offshore-Windenergie, formuliert es direkt: Der Branche gehe es zurzeit sehr schlecht. Ursachen sind fehlende Flächenausschreibungen sowie gestiegene Material-, Personal- und Finanzierungskosten. Offshore-Windparks sind kapitalintensiv. Vor dem Bau müssen Meeresboden, Windverhältnisse und Umwelt untersucht werden. Türme, Turbinen und Unterseekabel kommen hinzu. Sind die Anlagen aber erst in Betrieb, liegen die Stromerzeugungskosten bei etwa sechs bis zwölf Cent pro Kilowattstunde.
Wettbewerbsverzerrung durch Zollasymmetrie
Neben dem Projektmangel verschärft ein strukturelles Handelsproblem die Lage. Die EU erhebt auf chinesischen Rohstahl hohe Schutzzölle, die laut Dreves mehr als 70 Prozent betragen können. EEW muss seinen Stahl deshalb in Europa einkaufen, zum doppelten Preis gegenüber chinesischen Abnehmern.
Das eigentliche Problem: Fertigen chinesische Hersteller aus diesem günstigeren Stahl ein komplettes Monopile, können sie das Endprodukt zollfrei nach Europa liefern. Der Rohstoff wird geschützt, das fertige Produkt nicht. Für europäische Hersteller bedeutet das einen strukturellen Kostennachteil, der sich nicht durch Effizienzgewinne ausgleichen lässt.
Parallelen zur Solarindustrie
Die Branche zieht offen die Parallele zur deutschen Solarindustrie. Deren Hersteller verloren in den 2010er Jahren innerhalb weniger Jahre die Marktführerschaft an chinesische Produzenten. Werke wurden geschlossen, Produktion abgewandert. Der Markt existiert, die Wertschöpfung findet anderswo statt. Ob sich dieses Muster wiederholt, hängt nach Ansicht der Branchenvertreter von politischen Entscheidungen ab.
Blockierte Flächen und Gesetzesnovelle
Ein weiteres strukturelles Problem: In der Nordsee liegen Flächen mit einem Volumen von rund 16 Gigawatt brach. Unternehmen haben diese Flächen ersteigert, aber nicht bebaut. Die Rückgabe solcher Flächen an den Staat ist bisher nicht ausreichend geregelt. Damit sind wertvolle Kapazitäten dem Markt entzogen, ohne dass dort gebaut wird.
Um das Auktionsdesign zu reformieren, haben Bundesregierung und Bundesnetzagentur in diesem Jahr auf neue Ausschreibungen verzichtet. Die Bundesregierung hat sich Anfang September auf ein novelliertes Wind-auf-See-Gesetz geeinigt. Ob dieses die strukturellen Probleme löst, ist noch offen.
Bedeutung für die Energieversorgung
Auf See weht der Wind gleichmäßiger als an Land, und im Winter ist die Produktion oft besonders hoch. Das macht Offshore-Anlagen unter den erneuerbaren Energiequellen am ehesten grundlastfähig. Wärmepumpen, Elektromobilität und Industrieprozesse treiben den Strombedarf weiter nach oben. Heimisch produzierter Windstrom kann Importabhängigkeiten reduzieren.
Das politische Ziel von 30 Gigawatt installierter Offshore-Leistung bis 2030 bleibt bestehen. Der aktuelle Stand liegt weit darunter. Um die Lücke zu schließen, müsste die Ausbaupipeline deutlich schneller gefüllt werden.
Fazit
Für Unternehmen in der Offshore-Lieferkette, ob Stahlverarbeiter, Kabelhersteller oder Spezialbetriebe, ist die Lage ernst. Die Auftragslücke für 2027 und 2028 ist keine Prognose mehr, sondern Realität. Die Zollasymmetrie bei Monopiles zeigt, dass handelspolitische Fragen direkt auf die Produktionsauslastung in deutschen Werken durchschlagen. Wer in diesem Markt plant oder einkauft, sollte die Entwicklung der Gesetzesnovelle und möglicher EU-Schutzmaßnahmen für Fertigprodukte verfolgen.



















