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Bis zu acht Frachtschiffe liegen derzeit gleichzeitig im Hafenbecken von Neuss, wo normalerweise zwei abgefertigt werden. Wegen extremen Niedrigwassers können die Binnenschiffe nur einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung transportieren. Für die Ölmühle C. Thywissen, eines der größten Unternehmen seiner Art in Deutschland, bedeutet das tägliche Logistikarbeit unter erschwerten Bedingungen.

Produktion läuft, Puffer schwinden

Thywissen verarbeitet täglich zwischen 2.200 und 2.300 Tonnen Ölsaaten. Raps, Sonnenblumenkerne und Lein werden zu Pflanzenölen, Futtermitteln und industriellen Grundstoffen verarbeitet. Abnehmer sind Konzerne wie Nestlé, Unilever und BASF. Rund 90 Prozent der Rohstoffe kommen per Binnenschiff.

Nach dem Extremniedrigwasser von 2018 reagierte das Unternehmen: Gebäude auf dem engen Werksgelände wurden abgerissen, neue Lagerflächen errichtet. Seither kann Thywissen rund 12.000 Tonnen Rohstoffe zusätzlich bevorraten. Bei aktuellem Durchsatz entspricht das einer Reichweite von gut fünf Tagen.

Aus diesen Lagern wird nur dosiert zugeführt, was die teilbeladenen Schiffe nicht liefern können. Geschäftsführer Dominik Baum beschreibt die Lage offen: Sollte der Schiffsverkehr vollständig zum Erliegen kommen, könnte das Werk nach einer bis anderthalb Wochen nicht mehr produzieren.

Alternative Transportwege stoßen an Grenzen

Lkw und Bahn werden bei Thywissen inzwischen häufiger eingesetzt. Doch sie können die Wasserstraße nicht ersetzen. Pro Binnenschiff wären je nach Größe zwischen 40 und 80 Lastwagen erforderlich. Das Werksgelände ist nicht auf dieses Aufkommen ausgelegt. Geeignete Fahrzeuge, Fahrer und freie Kapazitäten fehlen. Schüttgüter wie Ölsaaten lassen sich nicht ohne weiteres auf andere Verkehrsträger verlagern.

Das deckt sich mit Erkenntnissen aus 2018. Untersuchungen der Ökonomin Saskia Meuchelböck von der Universität Aarhus zeigen: Unternehmen, die stark vom Binnenschiff abhingen, verzeichneten im zweiten Halbjahr 2018 einen Exportrückgang von rund vier Prozent. Auf dem Höhepunkt des Engpasses sank die deutsche Industrieproduktion binnen eines Monats um bis zu 1,5 Prozent. Das eigentliche Problem lag dabei nicht beim Absatz, sondern bei fehlenden Rohstoffen und Vorprodukten.

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Breitenwirkung entlang des Rheins

Thywissen steht nicht allein. In einer IHK-Umfrage unter 170 Betrieben entlang des Rheins gaben 72 Prozent an, ihre Logistik umgestellt zu haben. Fast jeder dritte Betrieb drosselt dennoch die Produktion. Sechs Prozent haben einzelne Prozesse bereits gestoppt. Bei knapp einem Drittel der befragten Unternehmen sind die Logistikkosten um mindestens 50 Prozent gestiegen.

Regen allein löst das Problem nicht. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde sieht noch keine nachhaltige Erholung der Pegel. Strukturell verschärft sich die Lage: Trockenere Frühjahre und Sommer, höhere Verdunstung durch steigende Temperaturen sowie schrumpfende Gletscher reduzieren langfristig den Abfluss in den Rhein.

Effizienz und Resilienz im Widerspruch

Supply-Chain-Experte Kai-Oliver Zander von der Unternehmensberatung Arthur D. Little benennt das strukturelle Problem: Über Jahrzehnte wurden Lieferketten auf Effizienz getrimmt. Knappe Bestände, eng getaktete Transporte, fest kalkulierte Lieferzeiten. Dieses Modell funktioniert unter Normalbedingungen zuverlässig. Es versagt, sobald ein zentraler Transportweg ausfällt oder sich stark einschränkt.

Der Rhein ist für große Teile der deutschen Industrie nicht substituierbar. Er verbindet Industriezentren am Niederrhein mit den Seehäfen Rotterdam und Antwerpen. Für Schüttgüter, Chemikalien und Agrarrohstoffe gibt es kaum wirtschaftliche Alternativen. Wer seinen Rohstoffbedarf vollständig über Lkw oder Bahn decken wollte, müsste Logistikstrukturen aufbauen, die derzeit nicht existieren.

Fazit

Die Ölmühle Thywissen zeigt, was vorausschauende Lagerhaltung leisten kann. Zusätzliche Kapazitäten, flexible Transportwege und ein genaues Pegel-Monitoring halten die Produktion aktuell am Laufen. Doch die Puffer sind endlich. Für Einkaufs- und Produktionsleiter in rohstoffintensiven Betrieben mit Rheinanbindung gilt: Die Frage ist nicht ob, sondern wie oft solche Niedrigwasserphasen die Planung künftig durcheinanderwerfen werden. Wer das nicht bereits in seiner Beschaffungsstrategie berücksichtigt, riskiert ungeplante Produktionsunterbrechungen.

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