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Deutschlands Unternehmen zahlen jährlich rund 82 Milliarden Euro für die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. Die offizielle Zahl der Krankenkassen beziffert den Krankenstand auf 5,9 Prozent. Doch in manchen Betrieben sehen die Zahlen ganz anders aus. Ein Personaldienstleister im Gesundheitswesen verzeichnete 2025 bei seinen externen Mitarbeitenden einen Krankenstand von rund 12 Prozent – mehr als doppelt so hoch wie der Kassenwert.
Zwei Messsysteme, zwei Ergebnisse
Der Unterschied hat strukturelle Gründe. Krankenkassen erfassen ausschließlich die Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) ihrer Versicherten, für die eine ärztliche Bescheinigung vorliegt. Fehlt die Bescheinigung, fehlt auch der Datensatz. Betriebe hingegen zählen jeden Fehltag, unabhängig davon, ob ein Attest eingereicht wurde oder nicht.
Nicht alle Beschäftigten sind gesetzlich krankenversichert. Privat Versicherte tauchen in den Kassenstatistiken gar nicht auf. Die Kassen decken damit nur einen Teil der Erwerbsbevölkerung ab, was für Forscher und Personalabteilungen einen blinden Fleck erzeugt.
Datenbasis bleibt fragmentiert
Die Betriebskrankenkassen (BKK) werten seit mehr als 40 Jahren AU-Daten aus. Für Bayern flossen in die Auswertung 2025 Daten von rund 44 Prozent der BKK-Versicherten im Freistaat ein. Das ist eine belastbare Stichprobe – sie erfasst aber nur BKK-Mitglieder, nicht die gesamte Belegschaft eines Betriebs.
AOK, Barmer, Techniker Krankenkasse und andere Kassen veröffentlichen ebenfalls eigene Krankenstandsberichte. Die Erhebungsmethoden unterscheiden sich. Wer die Zahlen verschiedener Kassen addiert oder vergleicht, muss diese methodischen Unterschiede kennen, sonst entstehen falsche Schlüsse.
Telefonische Krankschreibung als Verzerrungsfaktor
Seit der Einführung der telefonischen Krankschreibung wird diskutiert, ob diese den Krankenstand treibt. Die Datenlage dazu ist dünn. Belastbare Studien, die einen klaren kausalen Zusammenhang nachweisen, gibt es bislang nicht. Die Zahl der ausgestellten AU-Bescheinigungen ist gestiegen. Ob das auf mehr Erkrankte oder auf eine niedrigere Hemmschwelle zur Krankschreibung zurückgeht, lässt sich aus den vorhandenen Daten nicht eindeutig ableiten.
Was Betriebe aus der Datenlücke schließen sollten
Für Personalverantwortliche und Produktionsleiter hat die Diskrepanz praktische Konsequenzen. Wer seinen betrieblichen Krankenstand nur mit dem Kassenwert vergleicht, zieht möglicherweise falsche Schlüsse über die eigene Lage. Ein Wert von 8 Prozent im eigenen Betrieb ist kein Zeichen von Versagen, wenn die Branche strukturell höhere Fehlzeiten aufweist. Umgekehrt kann ein Wert nahe am Kassendurchschnitt verschleiern, dass bestimmte Schichten, Abteilungen oder Altersgruppen stark abweichen.
Aussagekräftig wird die eigene Krankenstandsanalyse erst, wenn sie differenziert ist: nach Abteilung, Tätigkeit, Altersgruppe und Krankheitsart. Kurze Fehlzeiten häufen sich anders als Langzeiterkrankungen. Beide haben unterschiedliche betriebliche Ursachen und erfordern unterschiedliche Reaktionen.
Forscherzugang als politisches Thema
Wissenschaftler fordern seit Jahren besseren Zugang zu den Routinedaten der Krankenkassen. Derzeit sind diese Daten für externe Forschung nur eingeschränkt zugänglich. Das verhindert Studien, die betriebliche und kassenseitige Fehlzeitendaten verknüpfen könnten. Ohne diese Verknüpfung bleibt die Datenlücke bestehen.
Auf politischer Ebene gibt es Bewegung in dieser Frage, konkrete gesetzliche Regelungen fehlen aber noch. Solange der Zugang beschränkt bleibt, müssen Betriebe damit leben, dass die nationale Vergleichsgrundlage methodisch begrenzt ist.
Fazit
Die 5,9-Prozent-Marke ist kein verlässlicher Benchmark für den einzelnen Betrieb. Sie ist ein Durchschnittswert aus einem unvollständigen Datensystem. Wer in Produktion, Einkauf oder HR auf dieser Basis plant, plant auf lückenhafter Grundlage. Der erste Schritt ist eine saubere interne Erfassung, differenziert nach Bereichen. Der Vergleich mit Branchenwerten ist sinnvoller als der Vergleich mit dem nationalen Kassendurchschnitt. Die 82 Milliarden Euro Entgeltfortzahlung sind eine volkswirtschaftliche Zahl. Was davon auf den eigenen Betrieb entfällt, weiß nur, wer die eigenen Daten kennt.




















