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Die Stahlindustrie gehört zu den schwierigsten Bereichen der Dekarbonisierung. Rund sieben Prozent der globalen CO₂-Emissionen gehen auf das Konto der Stahlproduktion. Das Grundverfahren, das die meisten Hersteller weltweit nutzen, stammt aus den 1850er Jahren. US-Unternehmerin Laureen Meroueh will das ändern. Ihr Startup hat einen neuen Ofentyp entwickelt, der ohne Kohle auskommt und zugleich günstiger produzieren soll als klassische Hochöfen.
Das Problem: Hohe Hürden, magere Margen
Im konventionellen Hochofenverfahren wird Eisenerz bei Temperaturen von über 1.500 Grad Celsius geschmolzen. Koks, ein aus Kohle gewonnener Brennstoff, ist dabei Energiequelle und Reduktionsmittel zugleich. Er entzieht dem Erz den Sauerstoff. Ohne diesen Schritt kein Roheisen, ohne Roheisen kein Stahl.
Das Verfahren ist stabil, gut verstanden und über Jahrzehnte optimiert. Genau das macht es so schwer zu ersetzen. Hochöfen laufen oft 20 bis 30 Jahre am Stück. Ein vorzeitiger Umbau kostet Hunderte Millionen Euro. Bei Gewinnmargen, die im Stahlgeschäft oft im einstelligen Prozentbereich liegen, rechnet sich das selten. Allein in den USA werden jährlich rund 80 Millionen Tonnen Stahl produziert.
Der Ansatz: Neues Verfahren, kompaktere Anlage
Merouehs Startup verfolgt einen anderen Weg. Die genaue Verfahrenstechnik ist noch nicht vollständig öffentlich, doch das Grundprinzip ist bekannt: Der neue Ofen soll Eisenerz ohne Kohle reduzieren, die Betriebskosten senken und eine Tonne grünen Stahl pro Tag produzieren können. Das entspricht dem Maßstab einer Pilotanlage, nicht eines vollintegrierten Hüttenwerks.
Vergleichbare Ansätze setzen auf Wasserstoff als Reduktionsmittel. Dabei reagiert Wasserstoff mit dem Eisenerz und entzieht ihm den Sauerstoff. Übrig bleibt Wasserdampf statt CO₂. Ein mit Google-Finanzierung gebautes Projekt auf Wasserstoffbasis gibt an, die Emissionen gegenüber klassischen Hochöfen um bis zu 95 Prozent zu senken. Das wäre nahe an dem Standard, den die Internationale Energieagentur für nahezu emissionsfreie Stahlproduktion definiert.
Was in Europa parallel passiert
Die europäische Stahlindustrie steht vor denselben Fragen. In Duisburg hat ein Hochofen nach 53 Betriebsjahren und 93 Millionen Tonnen produziertem Roheisen seinen Betrieb eingestellt. Ob und wie der Standort auf eine alternative Technologie umgestellt wird, ist Teil laufender Planungen.
Salzgitter hat sich ein konkretes Ziel gesetzt. Der Konzern will die Transformation zu einer nahezu CO₂-neutralen Stahlproduktion bis Mitte der 2030er Jahre abgeschlossen haben. Konzernchef Gunnar Groebler hat dieses Ziel öffentlich bekräftigt. Welche Technologiepfade dabei zum Einsatz kommen, entscheidet sich in den nächsten Jahren.
Was das für Stahlverarbeiter und Einkäufer bedeutet
Für Unternehmen, die Stahl einkaufen oder verarbeiten, ändert sich kurzfristig wenig. Pilotanlagen im Tonnenmaßstab ersetzen keine integrierten Hüttenwerke mit Jahreskapazitäten im Millionenbereich. Der Technologienachweis steht in vielen Fällen noch aus.
Mittelfristig aber werden grüner Stahl und seine Herstellungskosten für Lieferketten relevant. Scope-3-Emissionen, also die indirekten Emissionen entlang der Lieferkette, geraten durch europäische Berichtspflichten stärker in den Fokus. Wer Stahl als Vorprodukt einsetzt, wird früher oder später danach gefragt, welchen CO₂-Fußabdruck dieser Stahl hat.
Dabei wächst die Bedeutung der Zertifizierung. Stahl, der die IEA-Kriterien für nahezu emissionsfreie Produktion erfüllt, ist derzeit noch eine Ausnahme. Das kann sich ändern, wenn Technologien wie die von Merouehs Startup den Schritt von der Pilotanlage zur Serienreife schaffen.
Fazit
Der kohlefreie Stahlofen ist kein Versprechen für übermorgen, aber auch keine Utopie mehr. Mehrere Ansätze, von wasserstoffbasierter Direktreduktion bis zu neuen Ofenkonzepten aus dem Startup-Umfeld, zeigen technische Machbarkeit. Die eigentliche Frage ist die Skalierung: Wer schafft es, aus dem Pilotbetrieb ein wettbewerbsfähiges Großverfahren zu machen, ohne die ohnehin knappen Margen der Branche weiter zu belasten. Für Einkäufer und Produktionsleiter in stahlverarbeitenden Betrieben lohnt es sich, diese Entwicklung zu verfolgen.




















