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Zementwerke gehören zu den CO₂-intensivsten Industrieanlagen überhaupt. Pro Tonne produziertem Zement fällt annähernd eine Tonne CO₂ an. Holcim Deutschland geht dieses Problem am Standort Höver bei Hannover jetzt mit einer neuen Methode an: einer Membrananlage zur Abgasbehandlung, die am 21. August 2026 offiziell in Betrieb ging.

Warum Zement strukturell ein CO₂-Problem hat

Der Prozess lässt wenig Spielraum. Bei der Zementherstellung wird Kalkstein bei 1.450 Grad Celsius gebrannt. Dabei setzt der Kalkstein chemisch gebundenes CO₂ frei. Das ist kein Effizienzproblem, sondern eine physikalisch-chemische Zwangsläufigkeit. In Deutschland werden jährlich rund 30 Millionen Tonnen Zement verbraucht. Eine vollständige Elektrifizierung des Brennprozesses löst das Problem deshalb nur teilweise. Das im Kalkstein gebundene CO₂ entsteht unabhängig von der Energiequelle.

Ohne CO₂-Abscheidung am Abgas ist Netto-Null in der Zementproduktion rechnerisch nicht erreichbar. CCU und CCS, also Carbon Capture, Utilization and Storage, die Abscheidung mit anschließender Nutzung oder Speicherung des CO₂, gelten deshalb als notwendige Bausteine.

Membranverfahren: Funktion und technischer Ansatz

Die eingesetzte Technologie stammt aus dem Helmholtz-Zentrum Hereon. Vermarktet wird sie von Cool Planet Technologies. Die Membranen bestehen aus mehreren Kunststoffschichten. CO₂-Moleküle passieren diese Schichten schneller als Stickstoff und Sauerstoff. Das Abgas des Zementwerks wird durch die Anlage geleitet, das CO₂ abgetrennt und separat abgeführt. Der verbleibende Abgasstrom geht gereinigt zurück ins Werk.

Das Verfahren arbeitet ohne Chemikalien. Es lässt sich vollständig mit elektrischer Energie betreiben, also auch mit Strom aus erneuerbaren Quellen. Die Anlage ist dem Produktionsprozess nachgeschaltet und erfordert keinen Umbau der Brennöfen oder anderer Kernanlagen. Das ist für Betreiber bestehender Werke ein relevanter Unterschied zu anderen Abscheideverfahren, die tief in den Prozess eingreifen.

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Was die Testanlage in Höver leisten soll

In dieser ersten Ausbaustufe ist eine Abscheideleistung von bis zu 10.000 Tonnen CO₂ pro Jahr vorgesehen. Das Werk Höver emittiert insgesamt deutlich mehr. Der Schritt soll nachweisen, dass die Technologie im Industriemaßstab funktioniert. Bislang wurde das Membranverfahren nicht in dieser Größenordnung in einem Zementwerk betrieben.

Das abgeschiedene CO₂ soll aufbereitet und weitergenutzt werden. Mögliche Abnehmer sind die Getränkeindustrie sowie die chemische Industrie für die Herstellung von Kraftstoffen und anderen Verbindungen. Das entspricht dem CCU-Pfad: Das CO₂ wird nicht gespeichert, sondern als Rohstoff eingesetzt.

Holcim gibt als Ziel an, mit einer möglichen Vollausbaustufe einen deutlich größeren Anteil der Werksemissionen abzuscheiden. Konkrete Zahlen für einen möglichen Vollausbau wurden zum Inbetriebnahmetermin nicht verbindlich kommuniziert.

Förderung und politischer Rahmen

Das Projekt erhält Mittel aus der Bundesförderung Industrie und Klimaschutz des Bundeswirtschaftsministeriums. Dieser Förderrahmen unterstützt die Entwicklung und Anwendung von CCU- und CCS-Technologien. Zur Inbetriebnahme reisten Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies und der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Johannes Steiniger, nach Höver. Das signalisiert ein politisches Interesse an industriellen Dekarbonisierungsprojekten dieser Art, unabhängig von der Bewertung einzelner Technologiepfade.

Einordnung für Industriebetriebe

Für Unternehmen mit ähnlich prozessbedingten Emissionen ist der Höver-Test ein Beobachtungsfall. Das Membranverfahren hat einen klaren Vorteil: Es lässt sich nachrüsten. Wer sonst auf kostspielige Neubauten angewiesen wäre, sieht darin einen möglichen wirtschaftlicheren Weg.

Gleichzeitig bleibt die Frage offen, zu welchen Kosten pro Tonne abgeschiedenem CO₂ das Verfahren im Dauerbetrieb arbeitet. Dieser Wert entscheidet über die wirtschaftliche Tragfähigkeit. Holcim wird ihn im laufenden Testbetrieb ermitteln.

Fazit

Holcim testet in Höver im industriellen Maßstab, ob Membrantechnik CO₂ wirtschaftlich aus Zementabgasen abtrennen kann. Die Anlage arbeitet ohne Chemikalien, lässt sich nachrüsten und wird öffentlich gefördert. Belastbare Betriebsdaten fehlen noch; sie entstehen im laufenden Betrieb. Für andere emissionsintensive Branchen lohnt es, die Ergebnisse zu verfolgen.

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