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Stromintensive Betriebe in der Prozessindustrie zahlen je nach Bundesland deutlich unterschiedliche Preise. Das zeigt eine Auswertung des Energiedienstleisters Wattline, veröffentlicht am 8. September 2026. Die Datengrundlage umfasst über 26.000 Betriebe aus zwölf Branchen und allen 16 Bundesländern. Zwischen dem teuersten und dem günstigsten Bundesland liegt ein Preisunterschied von 17 Prozentpunkten.
Was die Zahlen bedeuten
Für einen Chemie- oder Pharmabetrieb mit einem jährlichen Strombezug von mehreren Millionen Kilowattstunden ist dieser Unterschied direkt ergebnisrelevant. Strom treibt in der Prozessindustrie Pumpen, Verdichter und Kälteanlagen und ersetzt an vielen Standorten den Gasanteil in der Wärmeversorgung. Der Strompreis wirkt sich damit unmittelbar auf die Stückkosten aus.
Bisher fehlte für kleine und mittlere Unternehmen eine belastbare regionale Vergleichsbasis. Für Privathaushalte gibt es solche Auswertungen seit Jahren, für gewerbliche Abnehmer war das Bild lückenhaft. Die Wattline-Auswertung schließt diese Lücke auf breiter Datenbasis.
Warum Bundesländer unterschiedlich teuer sind
Regionale Strompreisunterschiede entstehen aus mehreren Komponenten. Netzentgelte, also die Kosten für Transport und Verteilung, werden je Netzgebiet festgesetzt. Sie variieren erheblich zwischen ländlichen und städtischen Regionen sowie zwischen Bundesländern. In Regionen mit hohem Anteil erneuerbarer Erzeugung, aber schwach ausgebautem Netz, fallen die Netzentgelte besonders hoch aus.
Hinzu kommt die Struktur der örtlichen Netzinfrastruktur. Betriebe, die direkt an Hoch- oder Mittelspannung angeschlossen sind, zahlen andere Netzentgelte als Niederspannungsabnehmer. Wer seinen Anschlusspunkt optimiert, kann allein darüber Kosten senken.
Ein weiterer Faktor ist der sogenannte Redispatch. Netzbetreiber greifen zunehmend in die Einspeisung ein, um Engpässe zu vermeiden. Seit Änderungen bei der Redispatch-Regelung müssen Anlagenbetreiber ihre Ansprüche direkt beim Netzbetreiber anmelden. Die Entschädigung erfolgt nach dem BDEW-Mischpreis. Wer das Verfahren nicht kennt, riskiert Rechnungen statt Gutschriften.
Beschaffungsstrategie als Stellschraube
Der Standort allein erklärt den Preisunterschied nicht vollständig. Auch die Beschaffungsstrategie wirkt sich aus. Betriebe, die ihren Strombezug langfristig über Terminmärkte absichern, zahlen in Hochpreisphasen weniger als Unternehmen mit reiner Spotmarktbeschaffung. Umgekehrt profitieren flexible Abnehmer von Phasen mit negativen Strompreisen, die im deutschen Markt bei hoher Wind- und Solareinspeisung auftreten.
Laut Marktbeobachtern könnte die Industrie einen erheblichen Beitrag zur Netzstabilisierung leisten, wenn sie ihren Verbrauch flexibel an das Marktgeschehen anpasst. In der Praxis scheitert das häufig an Prozessanforderungen. Wer kontinuierlich produziert, kann Taktzeiten nicht beliebig verschieben. Für Betriebe mit Puffermöglichkeiten, etwa in der Lagerung oder bei der Drucklufterzeugung, bestehen jedoch konkrete Spielräume.
Direktlieferverträge gewinnen an Bedeutung
Power Purchase Agreements (PPA), also langfristige Direktlieferverträge mit Erzeugern, sind für größere Abnehmer eine weitere Option. Sie sichern planbare Preise und ermöglichen die Bilanzierung von erneuerbarem Strom ohne Umweg über den Spotmarkt. Der Abschluss solcher Verträge setzt jedoch Marktkenntnisse und Verhandlungskapazität voraus, die im Mittelstand nicht immer vorhanden sind.
Konsequenzen für Einkauf und Standortplanung
Für Produktionsleiter und Einkäufer in der Prozessindustrie liefert die Auswertung zwei konkrete Ansatzpunkte. Erstens: Der regionale Netzentgeltanteil ist kein fixer Kostensockel, sondern verhandelbar, wenn Anschlussart und Lastprofil geprüft werden. Zweitens: Die Beschaffungsstrategie entscheidet bei hohem Strombezug in ähnlichem Maß über die Rechnung wie der physische Standort.
Für Unternehmen, die Standorterweiterungen oder Verlagerungen planen, sollte der regionale Strompreisvergleich in die Wirtschaftlichkeitsrechnung einfließen. Ein Unterschied von 17 Prozentpunkten beim Energieträger, der rund um die Uhr läuft, verändert die Kalkulation messbar.
Fazit
Die Wattline-Auswertung ist die erste belastbare Grundlage für regionale Strompreisvergleiche im gewerblichen Bereich auf dieser Datenbasis. Für die Prozessindustrie mit ihrer hohen Stromdichte ist das kein akademischer Befund. Der 17-Prozent-Abstand zwischen Bundesländern entspricht bei einem mittleren Betrieb mit mehreren Millionen Kilowattstunden Jahresbezug einem sechsstelligen Eurobetrag. Wer Energiekosten als gegeben hinnimmt, verzichtet auf einen der wenigen verbliebenen Kostenhebel, die ohne Prozesseingriff wirken.




















