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Die deutschen Erdgasspeicher sind am 19. August 2026 erst zur Hälfte gefüllt. Das ist der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Jahren. Die Bundesnetzagentur hat festgestellt, dass die 50-Prozent-Marke in diesem Jahr 50 Tage später erreicht wurde als im Vorjahr. Für gasintensive Betriebe und Energieeinkäufer sind damit die Planungsrisiken für den kommenden Winter erheblich gestiegen.
Gesetzliches Füllziel kaum noch erreichbar
Das Energiewirtschaftsgesetz schreibt vor, dass die deutschen Gasspeicher zum 1. November zu 80 Prozent befüllt sein müssen. Nach Einschätzung des Branchenverbands FNB Gas, der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber, ist dieses Ziel kaum noch zu erreichen. Selbst bei einer Einspeicherrate von 1,2 Terawattstunden pro Tag, dem höchsten jemals im deutschen Markt beobachteten Wert, würde das Ziel verfehlt. Die tatsächlichen Einspeichermengen liegen derzeit deutlich darunter.
Der Grund für die Kaufzurückhaltung der Großhändler ist struktureller Natur. Der Konflikt im Iran blockiert die Straße von Hormus, wodurch deutlich weniger Flüssigerdgas per Schiff auf den Weltmarkt gelangt. Das treibt die Preise auch im Sommer auf ein ungewöhnlich hohes Niveau. Der TTF-Terminkontrakt für Erdgas, der Referenzpreis im europäischen Großhandel, notierte zuletzt bei rund 64,60 Euro je Megawattstunde – der höchste Stand seit Mitte März 2026. Das übliche Sommer-Einspeichergeschäft, bei dem Händler günstiges Gas kaufen und im Winter teuer verkaufen, ist unter diesen Bedingungen nicht mehr rentabel.
Ministerium und Netzagentur appellieren, ohne direkt einzugreifen
Das Bundeswirtschaftsministerium unter Ministerin Katherina Reiche setzt auf die Eigenverantwortung der Gashändler. Eine Sprecherin des Ministeriums erklärte, man beobachte die Lage genau und fordere die Händler auf einzuspeichern. Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller appellierte öffentlich an die Versorger, ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kunden nachzukommen. Verbindliche staatliche Eingriffe in den Markt sind nach aktuellem Stand nicht geplant.
Zur Versorgungslage betont das Ministerium: Eine Krise wie 2022 sei nicht zu erwarten. Fast die Hälfte des deutschen Gasbedarfs komme aus Norwegen. Pipeline-Lieferungen aus Frankreich und Belgien sowie Flüssigerdgas über die deutschen LNG-Terminals kämen hinzu, ein Großteil davon aus den USA. Die Bundesnetzagentur erklärt die Versorgungssicherheit auf ihrer Website als gewährleistet, da auf dem Weltmarkt ausreichend Gas verfügbar und importierbar sei.
Szenarien: Was ein kalter Winter bedeutet
Ob die aktuelle Füllmenge ausreicht, hängt von der Witterung ab. Juraj Papcun, Betreiber eines Gasspeichers, ordnet das Risiko klar ein: Bei einem Winter wie dem besonders kalten Jahr 2010 würden die aktuellen Füllstände in Probleme führen. Bei einem durchschnittlichen Winter sei es hingegen gut möglich, die Saison ohne Engpässe zu überbrücken.
Politisch wird die Lage kontrovers bewertet. Die Linksfraktion wirft der Ministerin vor, auf einen milden Winter oder funktionsfähige LNG-Märkte zu spekulieren. Das sei ein Risiko für die Versorgung von Wirtschaft und Bevölkerung. Auch Grünen-Politiker Michael Kellner weist auf die Anfälligkeit der LNG-Infrastruktur hin. Im vergangenen Winter war ein LNG-Terminal wegen zugefrorener Ostsee mehrere Wochen außer Betrieb, nachdem ein eingesetzter Eisbrecher ausgefallen war.
Sollte das Gas gegen Ende des Winters knapp werden, wäre Deutschland auf Zukäufe am Spotmarkt angewiesen, zu dann höheren Preisen.
Was das für industrielle Gasverbraucher bedeutet
Für Unternehmen mit hohem Gasbedarf, etwa in der Chemie, Papier- oder Glasindustrie, ist die Situation ein Signal, Energieeinkauf und Absicherungsstrategien für das vierte Quartal 2026 zu überprüfen. Wer Gasmengen noch nicht kontrahiert hat, kauft auf einem Markt mit erhöhtem Preisniveau und unklarer Angebotsentwicklung.
Die Bundesnetzagentur hat bisher keine Alarmstufe nach der Gassicherungsverordnung ausgerufen. Im Krisenfall würden Industriekunden vor privaten Haushalten abgeschaltet. Dieses Szenario ist derzeit nicht akut, sollte aber in der Betriebsplanung für den Winter 2026/27 als Risikofall abgebildet sein.
Fazit
Die Gasspeicher sind zu gering gefüllt, das Füllziel für November wird aller Voraussicht nach verfehlt, und die Preise auf dem Großhandelsmarkt bleiben hoch. Eine akute Versorgungskrise ist nach aktuellem Stand unwahrscheinlich, einen milden Winter vorausgesetzt. Bei ungünstiger Witterung sind Engpässe und steigende Beschaffungskosten jedoch reale Szenarien. Industrielle Energieeinkäufer sollten das jetzt in ihrer Planung berücksichtigen, nicht erst im Oktober.




















