Hinweis: Das Beitragsbild wurde mit künstlicher Intelligenz erzeugt.

Mit knapp 56 Prozent Füllstand stehen die deutschen Gasspeicher Mitte September schlechter da als in vergleichbaren Vorjahresperioden. Szenarien, nach denen ein überdurchschnittlich kalter Winter die Reserven bereits Anfang Februar erschöpft, kursieren in der Branche. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat nun reagiert, spät und unter Kostendruck.

Long Term Options als Markteingriff durch die Hintertür

Reiche beauftragt offenbar die Trading Hub Europe (THE), sogenannte Long Term Options auszuschreiben, kurz LTOs. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Regierungsinsider. Sowohl der Energiebranchenverband BDEW als auch der Gasspeicherverband Ines hatten dieses Instrument zuvor gefordert.

LTOs funktionieren so: Die THE zahlt Gashändlern dafür, eine definierte Gasmenge an einem bestimmten Ort vorzuhalten. Das schafft einen finanziellen Anreiz zur Einlagerung, auch wenn das aktuelle Marktpreisniveau das wirtschaftlich nicht hergibt. Direkte Großeinkäufe durch den Staat wären teurer. Sie würden Spekulanten signalisieren, dass der Ministerin keine Wahl mehr bleibt. Die Preise würden sofort steigen.

Wie viel die LTO-Ausschreibung am Ende kostet, ist offen. Das Instrument gilt als marktverträglicher als direkte Staatskäufe. Es ist dennoch ein Eingriff, der in normalen Zeiten nicht nötig wäre.

Sefe und Uniper: Staatsunternehmen auf schmalem Grat

Parallel treibt der bundeseigene Energiehändler Sefe die Speicherbefüllung voran. Das Wirtschaftsministerium bestätigte das. Der Spiegel berichtete zuvor, Berlin wolle Sefe und den zweiten Bundesbetrieb Uniper informell dazu bewegen, mehr einzuspeichern.

Rechtlich und ökonomisch ist das heikel. Der Bund ist zwar alleiniger Anteilseigner beider Unternehmen. Weisungsrechte gegenüber dem Management bestehen trotzdem nicht ohne weiteres. Beide Häuser betonen ihre unternehmerische Unabhängigkeit mit bemerkenswertem Nachdruck.

Auch interessant  Gleichstrom drängt in Industrie und Rechenzentren vor

Sefe erklärt, man habe keine Gesellschafterweisung erhalten und handle ausschließlich auf Basis eigener strategischer und wirtschaftlicher Bewertungen. Gleichzeitig heißt es, Versorgungssicherheit liege in der Verantwortung aller Energieunternehmen, und die Befüllung sei für Sefe kommerziell vorteilhaft.

Uniper formuliert ähnlich. Das Unternehmen steht unter zusätzlichem Druck, weil große Konzernteile verkauft werden sollen. Potenzielle Käufer beobachten genau, ob der Bund als Anteilseigner unternehmerische Entscheidungen beeinflusst. Ein Staatsunternehmen, das auf politischen Zuruf handelt, ist schwerer zu veräußern und zu einem niedrigeren Preis.

Was zu spät kam, wird jetzt teuer

Die Lage wäre beherrschbarer gewesen, wenn früher gehandelt worden wäre. Nach dem Ausbruch des Irankonflikts, der die Energiemärkte erneut destabilisierte, hätte eine nationale Reservestrategie greifen können. Das Wirtschaftsministerium zögerte. Reiche hatte sich als strikte Vertreterin des marktbasierten Ansatzes positioniert.

Jetzt stehen Speicherbetreiber, Händler und das Ministerium vor derselben Frage: Wer bucht welche Kapazitäten, zu welchem Preis, und wer trägt das Risiko? Der Branchenverband Ines hatte bereits im Sommer darauf hingewiesen, dass bis zum Herbst nicht ausreichend Kapazitäten gebucht worden seien. Diese Warnung blieb zunächst folgenlos.

Was das für Industriebetriebe bedeutet

Für Unternehmen mit gasintensiver Produktion oder gasbasierter Wärmeversorgung ergibt sich daraus eine konkrete Planungsunsicherheit. Ein kalter Winter bei niedrigen Speicherständen kann Preisspitzen auslösen, die weit über aktuelle Terminmarktpreise hinausgehen. Die staatlichen Interventionsmaßnahmen dämpfen das Risiko, eliminieren es aber nicht.

Wer noch keine mittelfristigen Lieferverträge für den Winter abgeschlossen hat, sollte die Preisentwicklung in den nächsten Wochen eng verfolgen. Die LTO-Ausschreibungen durch die THE können die Marktpreise beeinflussen, in beide Richtungen.

Fazit

Die Bundesregierung greift jetzt zu Werkzeugen, die sie lange abgelehnt hat. Die LTO-Ausschreibung ist ein marktschonendes, aber kein kostenneutrales Mittel. Die informelle Einflussnahme auf Sefe und Uniper bewegt sich in rechtlich unklarem Terrain und belastet die Privatisierungspläne für Uniper. Der Füllstand von knapp 56 Prozent lässt wenig Spielraum für einen harten Winter. Die Kosten für die Verzögerung trägt am Ende der Steuerzahler.

Auch interessant  Sieben Konzerne bündeln Kräfte für H2-Lkw und Tankinfrastruktur