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Ablenkung am Steuer verursacht weltweit einen erheblichen Anteil der Verkehrsunfälle. Forscher des Politecnico di Milano haben einen Kennwert entwickelt, der visuelle und kognitive Ablenkung von Fahrern in Echtzeit quantifiziert. Die Validierung erfolgte im Fahrsimulator.

Was der neue Kennwert leistet

Der Ansatz kombiniert zwei Ablenkungsformen, die bislang meist getrennt betrachtet wurden. Visuelle Ablenkung beschreibt, wohin der Fahrer schaut. Kognitive Ablenkung erfasst, womit er gedanklich beschäftigt ist. Beides gleichzeitig zu messen war bislang methodisch aufwendig. Der neue Kennwert bildet beides in einer einzigen Größe ab, die ohne Zeitverzug verfügbar ist.

Die Testumgebung ist ein Fahrsimulator. Dort lassen sich Ablenkungsszenarien kontrolliert erzeugen und wiederholen. Fahrzeugdaten, Blickbewegungen und Reaktionszeiten fließen in die Berechnung ein. Das Ergebnis ist ein skalarer Wert, der den Aufmerksamkeitszustand des Fahrers beschreibt.

Regulatorischer Hintergrund treibt Entwicklungsbedarf

Der Forschungsansatz reagiert auf konkrete gesetzliche Anforderungen. Die UNECE-Regelung Nr. 171 schreibt für Driver Control Assistance Systems, kurz DCAS, eine Überwachung der Fahreraufmerksamkeit vor. DCAS sind Systeme, die Lenkung und Geschwindigkeit teilweise automatisiert steuern, dabei aber den Fahrer als Rückfallebene einplanen.

Parallel dazu fordert die Euro NCAP Roadmap 2030, dass Fahrzeuge kognitive Ablenkung erkennen können. Euro NCAP ist das europäische Bewertungsprogramm für Fahrzeugsicherheit. Seine Anforderungen beeinflussen Kaufentscheidungen und damit Modellstrategien der Hersteller direkt.

Bedeutung für Zulieferer und Systemintegratoren

Für Hersteller von Cockpit-Elektronik, Kamerasystemen und Fahrerassistenzmodulen ergibt sich daraus ein klarer Entwicklungsrahmen. Wer Systeme zur Fahrerüberwachung, sogenannte Driver Monitoring Systems, liefert, muss künftig nicht nur Blickrichtung und Augenöffnung erfassen. Kognitive Zustände sollen ebenfalls detektierbar sein.

Das ist messtechnisch anspruchsvoll. Kognitive Ablenkung hinterlässt keine eindeutigen physischen Signale wie das Abwenden des Blickes. Forscher nutzen dafür indirekte Indikatoren: Lenkverhalten, Reaktionsverzögerungen, Herzratenvariabilität oder Pupillendurchmesser. Der Mailänder Ansatz fasst solche Parameter in einem einzigen Kennwert zusammen.

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Für Systemintegratoren ist die Echtzeitfähigkeit ausschlaggebend. Ein Kennwert, der mit mehreren Sekunden Verzögerung vorliegt, ist für sicherheitsrelevante Eingriffe unbrauchbar. Systeme müssen innerhalb von Millisekunden eine Warnung auslösen oder eine Übernahmeaufforderung senden können.

Simulatorbasierte Entwicklung als Effizienzfaktor

Die Nutzung des Fahrsimulators hat methodische Vorteile. Gefahrensituationen lassen sich ohne Risiko reproduzieren. Probandenzahlen können erhöht werden, ohne Straßentests zu organisieren. Variablen wie Verkehrsdichte, Wetter und Ablenkungsquelle sind vollständig kontrollierbar.

Für Entwicklungsabteilungen in der Automobilindustrie ist das relevant. Simulatorbasierte Validierung verkürzt Entwicklungszyklen und reduziert Testkosten. Gleichzeitig stellt sich die Frage der Übertragbarkeit: Verhalten sich Fahrer im Simulator identisch wie im Realverkehr? Diese Validierungslücke bleibt ein bekanntes Problem der Fahrsimulationsforschung.

Fazit

Die Arbeit aus Mailand liefert einen methodischen Baustein für ein regulatorisch gefordertes Problem. UNECE Nr. 171 und Euro NCAP 2030 setzen Hersteller und Zulieferer unter Zugzwang. Ein echtzeitfähiger Kennwert für kombinierte visuelle und kognitive Ablenkung könnte in künftige Driver Monitoring Systems einfließen. Bis zur Serienreife sind weitere Validierungsschritte nötig, insbesondere unter Realbedingungen. Für Einkäufer und Entwicklungsverantwortliche bei Tier-1-Zulieferern ist das Thema kein Zukunftsprojekt mehr, sondern Teil laufender Ausschreibungszyklen.