Hinweis: Das Beitragsbild wurde mit künstlicher Intelligenz erzeugt.

Entwicklungsabteilungen erzeugen Daten in Hülle und Fülle. Das Problem: Diese Daten landen oft in isolierten Systemen. Konstruktion, Simulation, Einkauf und Fertigung arbeiten dann mit unterschiedlichen Ständen. Fehler entstehen, Iterationen dauern länger, Übergaben kosten Zeit. Der Digital Thread, also ein durchgängiger digitaler Datenstrang über den gesamten Produktlebenszyklus, setzt genau hier an.

Drei Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen haben diesen Ansatz mit Siemens-Software umgesetzt: Simple Energy aus dem Bereich elektrischer Zweiräder, Sarla Aviation als Entwickler von Lufttaxis sowie Multivac, ein Hersteller von Verpackungsmaschinen. Ihre Erfahrungen zeigen, wo der Digital Thread konkret wirkt und wo organisatorische Voraussetzungen den Unterschied machen.

Was der Digital Thread leisten soll

Der Begriff beschreibt keine einzelne Software, sondern ein Architekturprinzip. Ziel ist es, Informationen aus Konstruktion, Produktdatenmanagement, Simulation und Fertigung miteinander zu verbinden. Jede Änderung an einem Bauteil soll sich automatisch durch alle nachgelagerten Systeme fortpflanzen.

Im Schaltschrankbau zeigt sich das Prinzip besonders deutlich: Saubere Stammdaten, gepflegte Makros und integrierte CAE-Prozesse senken die Fehlerquote und erhöhen den Automatisierungsgrad. Was dort für Einzelkomponenten gilt, lässt sich auf komplexere Produkte übertragen.

Das österreichische Forschungsprojekt TraceMe, abgeschlossen im Rahmen der Wirtschaftsstrategie upperVISION2030, hat dafür ein praxisorientiertes Handbuch für Maschinenbauunternehmen erarbeitet. Demnach ist Datendurchgängigkeit kein technisches Selbstläufer-Projekt. Sie erfordert klare Verantwortlichkeiten, definierte Standards und den Willen, bestehende Prozesse zu überdenken.

Simple Energy: Schnellere Entwicklung bei hoher Variantenvielfalt

Simple Energy entwickelt elektrische Zweiräder. Die Herausforderung: Viele Varianten, kurze Markteinführungszeiten, gleichzeitig wachsende regulatorische Anforderungen. Entwicklungsdaten müssen über mehrere Teams hinweg konsistent bleiben.

Mit einer integrierten PLM-Umgebung (Product Lifecycle Management) verknüpft das Unternehmen Konstruktionsdaten direkt mit Simulationsergebnissen und Stücklisten. Änderungen an einer Komponente sind sofort für alle Beteiligten sichtbar. Das reduziert Abstimmungsschleifen zwischen Konstruktion und Einkauf.

Auch interessant  KI in der Produktentwicklung: Miele zeigt, wie es geht

Sarla Aviation: Digital Thread im zertifizierungspflichtigen Umfeld

Sarla Aviation entwickelt Lufttaxis. Hier gelten besonders strenge Anforderungen an Nachvollziehbarkeit und Dokumentation. Jede Designentscheidung muss rückverfolgbar sein, jeder Änderungsstand dokumentiert.

Der Digital Thread bietet dafür einen strukturellen Vorteil. Wenn Konstruktionsdaten, Simulationsläufe und Freigabeprozesse in einem verbundenen System liegen, lässt sich der Nachweis der Produktkonformität schneller erbringen. Für die Luftfahrt ist das keine Komfortoption, sondern eine operative Notwendigkeit.

PTC verfolgt mit seiner Plattform Jetstream einen ähnlichen Ansatz für Aerospace-Unternehmen: teamübergreifende Zusammenarbeit, schnellere technische Entscheidungen und ein gestärkter Digital Thread für sicherheitskritische Produkte.

Multivac: Verbindung zwischen Engineering und Serienfertigung

Multivac stellt Verpackungsmaschinen her. Das Unternehmen steht vor der typischen Herausforderung des Sondermaschinenbaus: Jede Anlage ist weitgehend kundenspezifisch, gleichzeitig gibt es Plattformkomponenten, die in vielen Varianten auftauchen.

Ein durchgängiger Datenstrang verbessert hier vor allem die Übergabe zwischen Engineering und Fertigung. Wenn die Fertigungsunterlagen direkt aus dem CAD-Modell abgeleitet werden und Änderungen automatisch weitergeführt werden, sinkt die Fehlerrate bei der Arbeitsvorbereitung. Der Aufwand für manuelle Datenpflege geht zurück.

Voraussetzungen, die Entscheider kennen müssen

Die drei Beispiele illustrieren das Potenzial, benennen aber auch die Anforderungen an die Umsetzung. Ein Digital Thread funktioniert nur dann, wenn die Datenbasis stimmt. Inkonsistente Stammdaten, fehlende Normen für Benennung und Struktur sowie schlecht gepflegte Systemschnittstellen bremsen jeden Integrationsansatz aus.

Hinzu kommt der organisatorische Aufwand. Abteilungen, die bisher eigenständig mit lokalen Dateiablagen gearbeitet haben, müssen Prozesse und Verantwortlichkeiten neu definieren. Das ist kein IT-Projekt, sondern ein Veränderungsprojekt mit IT-Unterstützung.

Für Unternehmen im Mittelstand bedeutet das: Der Einstieg muss nicht mit einer vollständigen PLM-Landschaft beginnen. Sinnvoll ist es, mit einem klar abgegrenzten Produkt- oder Fertigungsbereich zu starten, dort Datenqualität zu schaffen und schrittweise zu erweitern.

Auch interessant  Chinesische KI-Modelle: Kostenvorteil mit Risiko

Fazit

Der Digital Thread ist kein Selbstzweck. Er ist ein Werkzeug, um Komplexität in der Produktentwicklung beherrschbar zu halten. Die Beispiele von Simple Energy, Sarla Aviation und Multivac zeigen, dass der Ansatz branchenübergreifend funktioniert. Ausschlaggebend ist nicht die Wahl einer bestimmten Softwareplattform, sondern die Qualität der Daten und die Klarheit der Prozesse dahinter. Wer diesen Grundsatz ignoriert, wird auch mit der besten Software keine durchgängige Datenkette aufbauen.