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Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie gibt mehr für Forschung und Entwicklung aus als je zuvor. Dennoch verliert der Standort Deutschland im internationalen Vergleich an Boden. Das zeigen Zahlen, die der Verband der Chemischen Industrie (VCI) auf seiner Forschungspressekonferenz am 26. August 2026 in Frankfurt vorgelegt hat.
Patentanteile brechen ein
Der Befund ist konkret: Der Anteil der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie an weltweiten Patentanmeldungen sank von 14 Prozent im Jahr 2010 auf 7,6 Prozent im Jahr 2024. China legte im selben Zeitraum von 4,9 auf 19 Prozent zu. Die Volksrepublik hat damit Japan und Deutschland überholt und liegt nun hinter den USA auf Rang zwei. Südkorea zog bereits 2021 an Deutschland vorbei.
Die F&E-Ausgaben der Branche stiegen seit 2015 um knapp sechs Milliarden Euro auf rund 16 Milliarden Euro im Jahr 2025. Die F&E-Quote lag bei 7,3 Prozent des Umsatzes. Im Branchenvergleich belegt Chemie und Pharma damit Platz drei hinter Fahrzeugbau und Elektroindustrie. Im internationalen Innovationsranking steht Deutschland 2025 auf Rang fünf, hinter USA, China, Großbritannien und Japan.
Pharmaindustrie trägt, Chemie zieht sich zurück
Das Plus bei den F&E-Ausgaben kam zuletzt fast ausschließlich aus der Pharmaindustrie. Die Chemiesparte hat ihre Forschungsaufwendungen dagegen reduziert. Rund ein Fünftel der Pharmaforschungsbudgets fließt inzwischen an Auftragnehmer im Ausland.
Für 2026 erwarten 29 Prozent der vom VCI befragten Unternehmen sinkende F&E-Ausgaben in Deutschland. Gleichzeitig planen 41 Prozent, ihre Forschungsbudgets an ausländischen Standorten zu erhöhen. Auch Großunternehmen gehören dazu.
Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung, benennt die Konsequenz klar: Wenn neue Produkte und Verfahren in Deutschland nicht mehr skaliert und produziert werden können, folgt die Forschung der Produktion. Die Entkopplung von Entwicklung und industrieller Wertschöpfung wäre dann keine kurzfristige Reaktion auf Kosten, sondern ein struktureller Prozess.
Chinas Modell: Planung statt Zufall
Der VCI verweist auf das chinesische Gegenmodell. China verknüpft Forschung, industrielle Skalierung, Kreislaufwirtschaft und neue Technologien über seinen Fünfjahresplan zu einer konsistenten Industriepolitik. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden von Anfang an in Innovationsprozesse integriert. Der Transfer von der Grundlagenforschung bis zur Marktreife wird staatlich begleitet und finanziert. Dazu kommt eine offensive Strategie zum Schutz geistigen Eigentums.
Wessel formulierte es auf der Pressekonferenz direkt: China überlasse die Resilienz und Zukunftsfähigkeit seines Standorts nicht dem Zufall, sondern organisiere sie strukturell.
Dieser Ansatz hat messbare Folgen für die Wettbewerbsposition. Mehr als 1.400 deutsche Unternehmen befinden sich inzwischen in chinesischem Besitz, darunter Namen wie Putzmeister, Kiekert und ista SE. Chinesische Unternehmen exportieren nicht mehr nur Produkte nach Europa, sondern auch Technologien, Produktionswissen und Geschäftsmodelle.
Was der VCI fordert
Der Verband sieht in der deutschen Politik bislang keine vergleichbare Kohärenz. Die Forderung ist konkret: Deutschland braucht eine Industriepolitik, die Forschungsförderung, Skalierungsunterstützung, Infrastruktur und regulatorische Rahmenbedingungen aufeinander abstimmt. Einzelmaßnahmen ohne strategische Einbettung reichen nicht aus.
Für Unternehmen, die Produktions- oder Forschungsinvestitionen planen, ist das relevant. Wer heute entscheidet, ob ein neues Verfahren in Deutschland oder anderswo hochskaliert wird, trifft diese Entscheidung unter den gegebenen Standortbedingungen. Die Standortfrage ist keine Frage des Willens, so Wessel, sondern der Rahmenbedingungen.
Fazit
Die Zahlen des VCI zeigen keinen kurzfristigen Einbruch, sondern einen anhaltenden Verschiebungsprozess. Patentanteile sinken, Forschungsbudgets wandern ab, und Chinas Industriepolitik setzt Maßstäbe, an denen Deutschland gemessen wird. Für Entscheider in Produktion und Einkauf bedeutet das: Die Frage, wo künftige Innovationskapazitäten entstehen, ist keine abstrakte Standortdebatte. Sie hat direkte Auswirkungen auf Lieferketten, Technologiezugang und Wettbewerbsfähigkeit.




















