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Die deutsche Chemieindustrie steckt tiefer in der Krise als die viel diskutierte Automobilbranche. Das ist die Einschätzung von Henning Block, Partner bei der Investmentbank Rothschild & Co. und einer der erfahrensten Restrukturierungsberater Deutschlands. Block betreut branchenübergreifend Unternehmen in Sondersituationen: Insolvenzen, Abspaltungen, Notverkäufe.
Hohe Fallzahlen in der Restrukturierungsbranche
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Block spricht von einer Hochkonjunktur in der Restrukturierungsbranche. Betroffen sind keine Randsektoren, sondern Kernbereiche der deutschen Wirtschaft: Automobil, Chemie, Maschinenbau, Immobilien, Infrastruktur und erneuerbare Energien.
Eine kurzfristige Normalisierung erwartet Block nicht. Erst wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wieder nachhaltiges Wachstum ermöglichen, werde sich die Lage entspannen. Wann das sein könnte, lässt er offen.
Automobilbranche: Druck verschiebt sich in der Lieferkette
In der Automobilindustrie trifft die Krise mittlerweile auch die Hersteller direkt. Einbrechende Absätze in Asien, besonders in China, zwingen Konzerne dazu, ihre Beteiligungsstrukturen zu überdenken. Töchter, die nicht zum Kerngeschäft zählen, werden veräußert. Das Kapital soll ins Hauptgeschäft fließen.
Der erhöhte Druck der Hersteller auf ihre Zulieferer ist eine direkte Folge. Wer bei den Herstellern die Margen nicht mehr hält, spürt das unmittelbar in den eigenen Auftragsbüchern. Spezialisierte Fonds kaufen teils einzelne Einheiten auf. Größere Konglomerate unter den Zulieferern dürften sich durch Abspaltungen fokussieren.
Chemie: Strukturelle Probleme ohne schnelle Lösung
Die Automobilbranche hat Block im Blick, die Chemie bereitet ihm mehr Sorgen. Die Probleme sind struktureller Natur und kaum kurzfristig behebbar. Hohe Energiekosten belasten die energieintensive Produktion seit Jahren. Chinesische Anbieter bauen Überkapazitäten auf und drücken die globalen Preise. Die Nachfrage aus der verarbeitenden Industrie, dem wichtigsten Abnehmer der deutschen Chemiebranche, bleibt schwach.
Hinzu kommt, dass Unternehmen ihre Zukunftsinvestitionen zurückfahren. Laut Verband der Chemischen Industrie rechnen 29 Prozent der Chemie- und Pharmafirmen für das laufende Jahr mit sinkenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland. Nur noch knapp jedes fünfte Unternehmen plant mit steigenden Budgets am heimischen Standort. Weniger Forschungsinvestitionen heute bedeuten schwächere Produktportfolios in einigen Jahren.
Iran-Konflikt: Entlastung nur von kurzer Dauer
Der Konflikt im Iran hat zuletzt für eine gewisse Entlastung gesorgt. Konkurrenten aus der Region haben Lieferprobleme. Europäische Chemieproduzenten profitieren vorübergehend von wegfallenden Wettbewerbern. Dieser Effekt gilt jedoch als Atempause, nicht als Trendwende. Die strukturellen Kostennachteile des Standorts Deutschland bleiben bestehen.
Was das für Einkauf und Produktion bedeutet
Für Unternehmen, die Chemieprodukte als Vorleistung beziehen, ergeben sich daraus konkrete Konsequenzen. Lieferantenausfälle und Konsolidierungen können die Versorgungssicherheit beeinträchtigen. Wer auf einen einzelnen deutschen Chemiehersteller als Alleinlieferanten setzt, sollte die finanzielle Stabilität dieses Partners genau beobachten.
Für Produktionsleiter bedeutet die Schwäche der Branche außerdem, dass Innovationen aus dem Bereich der Spezialchemie langsamer auf den Markt kommen dürften. Sinkende Forschungsbudgets verzögern neue Werkstoffe, Beschichtungen und Prozesschemikalien. Wer solche Materialien in der Entwicklung neuer Produkte einplant, muss längere Vorlaufzeiten kalkulieren.
Fazit
Die Restrukturierungswelle in Deutschland ist keine vorübergehende Konjunkturdelle. Für die Chemieindustrie gilt das in besonderem Maß. Hohe Energiekosten, internationaler Preisdruck und sinkende Forschungsinvestitionen bilden eine Kombination, die sich nicht schnell auflöst. Geopolitische Effekte wie der Iran-Konflikt können diese Lage kurzfristig überlagern, aber nicht korrigieren. Entscheider in der Industrie sollten ihre Lieferketten und Entwicklungspartnerschaften mit Blick auf diese Entwicklungen überprüfen.




















