Stell dir vor, fast ein Drittel aller Fabriken in einem der wichtigsten Wirtschaftszweige steht still. Genau das passiert gerade. Die Anlagen der deutschen Chemiebranche laufen nur noch zu 70 Prozent.
Dieser Wert markiert einen absoluten Tiefpunkt in der Geschichte des Sektors. Markus Steilemann, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), warnt: Von Rentabilität ist man damit meilenweit entfernt.
Das vergangene Jahr 2025 brachte keine Entspannung. Die gesamte Branchenproduktion sank um 0,5 Prozent. Der Umsatz fiel um ein Prozent auf 220 Milliarden Euro.
Besonders hart traf es die reine Chemie. Sie schrumpfte um 2,5 Prozent. Nur der Pharmabereich konnte mit einem Plus von drei Prozent einen kleinen Lichtblick setzen.
Die Lage ist alarmierend. Jedes zweite Unternehmen klagt über gravierenden Auftragsmangel. Das ist kein kurzfristiges Problem, sondern eine tiefgreifende Krise.
Sie betrifft nicht nur Großkonzerne. Vor allem der Mittelstand leidet, da er Verluste kaum international ausgleichen kann. Die Beschäftigung ging bereits auf etwa 478.000 Mitarbeiter zurück.
In diesem Artikel erfährst du, wie diese perfekte Sturm-Lage entstanden ist. Wir schauen auf die strukturellen Gründe, den internationalen Wettbewerb und die konjunkturellen Schwierigkeiten.
Schlüsselerkenntnisse
- Die Auslastung der Produktionsanlagen in der deutschen Chemie ist auf ein Rekordtief von 70 Prozent gefallen.
- Laut VCI-Präsident Steilemann ist diese niedrige Kapazitätsauslastung weit von einem rentablen Betrieb entfernt.
- Das Jahr 2025 war erneut ein schwieriges Jahr mit einem Produktionsrückgang von 0,5 Prozent und sinkenden Umsätzen.
- Die reine Chemie verzeichnete ein Minus von 2,5 Prozent, während der Pharmabereich leicht wuchs.
- Jedes zweite Unternehmen kämpft mit erheblichem Auftragsmangel, was die Ernsthaftigkeit der Situation unterstreicht.
- Die Krise betrifft den gesamten Sektor, besonders aber den Mittelstand, und hat bereits zu Jobverlusten geführt.
- Eine Kombination aus strukturellen, konjunkturellen und internationalen Faktoren hat diese kritische Situation geschaffen.
Marktentwicklung und aktuelle Hintergründe
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Auslastung der Produktionsanlagen in der deutschen Chemieindustrie ist auf ein beispielloses Niveau gesunken. Dieser Tiefstand zeigt dir, wie ernst die Lage ist.
Historischer Tiefpunkt und Auslastungszahlen
Die Anlagen sind nur zu 70 Prozent ausgelastet. Das ist ein historischer Tiefpunkt. Für ein profitables Wirtschaften reicht dieser Wert bei weitem nicht aus.
Jedes zweite Unternehmen meldet schweren Auftragsmangel. Seit 2021 sind die Bestellungen um über 20 Prozent eingebrochen. Das gilt für Inland und Ausland.

Für das laufende Jahr sieht es nicht besser aus. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) erwartet für 2026 einen weiteren Produktionsrückgang. Die folgende Tabelle fasst die Prognosen zusammen.
| Kennzahl | 2025 (Ist) | 2026 (Prognose) |
|---|---|---|
| Produktion (reine Chemie) | -2,5 % | -1 % |
| Umsatz (gesamt) | -1 % | -2 % |
| Kapazitätsauslastung | ~70 % | Keine Besserung |
Einfluss des internationalen Wettbewerbs
Die Situation wird durch globale Konkurrenz verschärft. Chinesische Hersteller überschwemmen den europäischen Markt mit Billigimporten. Ihre Überkapazitäten finden nun hier Absatz, weil die USA Schutzzölle erheben.
Besonders bei Basischemikalien ist der Preisdruck enorm. Er bringt heimische Produzenten in Schwierigkeiten. Ein prominentes Beispiel ist der Steamcracker von Dow Chemical in Böhlen. Seine geplante Stilllegung 2027 könnte eine Kettenreaktion auslösen.
Die Nachfrage aus Schlüsselindustrien wie der Automobilbranche bleibt schwach. Das entzieht der gesamten Branche wichtige Impulse. Experten glauben nicht an eine spürbare Besserung vor 2027.
Analyse: Chemie-Industrie auf historischem Tief – Produktion bei nur 70 Prozent
Hinter den nackten Zahlen verbergen sich dramatische Entscheidungen und warnende Stimmen. Du erfährst hier die zentralen Gründe für den Absturz und was die Führungskräfte sagen.
Ursachen für den drastischen Rückgang
Der Verband nennt drei Hauptgründe. Die Produktionskosten in Deutschland sind international nicht mehr wettbewerbsfähig.
Hinzu kommt eine hohe Unsicherheit durch neue Regulierungen. Langwierige Genehmigungsverfahren blockieren dringend benötigte Investitionen und Innovationen.
Eine Umfrage des VCI zeigt das volle Ausmaß der Verunsicherung. Die folgende Tabelle listet die alarmierenden Planungsabsichten der Mitgliedsunternehmen auf.
| Geplante Maßnahme | Anteil der Unternehmen | Konsequenz |
|---|---|---|
| Verlagerung oder Einstellung der Produktion | 20 % (jedes fünfte) | Kapazitätsabbau im Inland |
| Schließung kompletter Standorte | 10 % (jedes zehnte) | Verlust von Arbeitsplätzen |
| Erwartung sinkender Inlandsumsätze | über 40 % | Anhaltende Ertragsschwäche |
Stimmen aus der Branche und aktuelle Rückmeldungen
VCI-Präsident Markus Steilemann bringt es auf den Punkt: „Die Industrie funkt SOS. 2025 war für unsere Branche erneut sehr schwierig und der Blick nach vorn wird nicht rosiger.“ Sein Verband erwartet, dass ein allgemeines Wirtschaftswachstum an der Chemieindustrie vorbeigeht.
Steilemann warnt: „Der Mittelstand stirbt leise.“ Die Umfrage bestätigt dies. Viele kleinere Firmen haben keine Ausweichmöglichkeiten.
BASF-Chef Markus Kamieth bestätigt diese Einschätzung. Er spricht von der schwierigsten Zeit für die Industrie seit 25 Jahren. Der Blick vorn bleibt damit wirklich düster.
Interne Herausforderungen und externe Einflüsse
Die hohen Stromkosten in Deutschland entwickeln sich für die chemische Produktion zu einem existenziellen Problem. Die Unternehmen stecken in der Zange zwischen eigenen Kostentreibern und einem erbarmungslosen globalen Preiskampf.
Druck durch steigende Energiepreise und Produktionskosten
Energieintensive Produktionsanlagen brauchen wettbewerbsfähige Strompreise. Die Branche hoffte auf 4 bis 5 Cent pro Kilowattstunde.
Der geplante Industriestrompreis der Regierung ist laut VCI-Chef nur ein „Pflaster“. Er reicht bei weitem nicht aus.
Hohe Kosten blockieren auch dringende Investitionen. Moderne, effizientere Anlagen sind in weiter Ferne. Langsame Genehmigungen verschlimmern das.
| Kostentreiber | Konkrete Auswirkung | Folge für die Produktion |
|---|---|---|
| Energiepreise | Stromkosten über dem internationalen Niveau | Rentabilität der Anlagen gefährdet |
| Globale Rohstoffmärkte | Billigimporte von Basischemikalien | Preisdruck auf heimische Erzeuger |
| Regulatorische Hürden | Langwierige Genehmigungsverfahren | Innovation und Modernisierung verzögert |
Auswirkungen der globalen Marktbewegungen
Ein weltweites Überangebot an Basischemikalien trifft auf die Konjunkturflaute in Europa. Chinesische Hersteller mit großen Überkapazitäten lenken ihre Ware nun hierher.
US-Zölle haben diesen Fluss umgeleitet. In Europa sind bereits wichtige „Cracker“-Anlagen verschwunden.
Das bedroht die ganze Versorgungskette. Eine gefährliche Spirale aus Schließungen und Lieferengpässen beginnt.
Die toxische Mischung aus teurer Energie und billigen Importen lähmt die Branche. Lösungen wie Automatisierung, wie sie in vollautomatisierten Werken genutzt wird, brauchen stabile Rahmenbedingungen.
Schlussgedanken und Perspektiven für die Zukunft
Die Chemieindustrie steht an einem Scheideweg, und die kommenden zwei Jahre sind entscheidend. Vor 2027 erwartet die Branche keine spürbare Besserung. Der Ausblick hängt stark von der Automobil- und Elektroindustrie ab.
Die aktuellen Zahlen zeigen den historischen Tiefpunkt. Eine Auslastung von 70 Prozent, ein prognostizierter Umsatzrückgang von zwei Prozent und ein weiterer Produktionsrückgang von einem Prozent im kommenden Jahr zeichnen ein klares Bild der Krise.
Trotzdem gibt VCI-Präsident Steilemann nicht auf. Sein 6-Punkte-Forderungskatalog an die Politik zielt auf Rettung. Ganz oben steht die Sicherung der Produktion strategisch wichtiger Sektoren wie Chemie und Pharma.
Sein Ziel ist klar: Die Standortbedingungen in Deutschland müssen sich so grundlegend verbessern, dass Schließungsdebatten gar kein Ende finden. Der Blick richtet sich auf niedrigere Kosten, weniger Bürokratie und schnellere Genehmigungen.
Eine verlässliche Industriepolitik soll Investitionen in Innovation und Infrastruktur ermöglichen. Auch Europa muss handlungsfähiger werden, um im Wettbewerb mit den USA und China nicht weiter zurückzufallen.
Ohne diese Reformen drohen weitere Standortschließungen und ein massiver Verlust an Arbeitsplätzen. Die nächsten zwei Jahre werden zeigen, ob die deutsche Industrie die notwendigen Weichen stellt.


















