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Im hessischen Edermünde bei Kassel fährt seit kurzem ein Lkw ohne Fahrerhaus, ohne Lenkrad und ohne Fahrer. Das Fahrzeug des schwedischen Herstellers Einride beliefert eine Lidl-Filiale vom nahegelegenen Warenverteilzentrum aus. Das Kraftfahrt-Bundesamt hat die Genehmigung erteilt. Es ist die erste Zulassung dieser Art für einen kabinenlosen autonomen Lkw im regulären Betrieb auf öffentlichen Straßen in Deutschland.
Was im Pilotbetrieb tatsächlich läuft
Der Einride-Lkw fährt nachts. Die Höchstgeschwindigkeit im Pilotbetrieb beträgt 25 km/h. Beobachtungen vor Ort bestätigen Geschwindigkeiten zwischen 15 und 25 km/h. Die Strecke ist kurz: Angaben schwanken zwischen rund 400 und 500 Metern. Lidl und Einride nennen keine offizielle Länge.
Das Fahrzeug ist rund 7 Meter lang und 2 Meter breit. Es transportiert Trockensortiment auf bis zu 15 Europaletten. Bis zu drei Fahrten pro Tag sind vorgesehen. In der zunächst viermonatigen Projektphase sollen mehr als 3.000 Paletten bewegt werden.
Vollständig allein unterwegs ist der Lkw nicht. Ein sogenannter Local Operator begleitet jede Fahrt in einem separaten Fahrzeug. In dieser ersten Projektphase übernimmt derselbe Mitarbeiter auch das Be- und Entladen. Fahrerlos bedeutet in Edermünde: Im autonomen Fahrzeug sitzt niemand. Personalfrei ist der Transport damit noch nicht.
Level 4: Was die Einstufung bedeutet
Das Fahrzeug ist nach SAE Level 4 klassifiziert. Das bedeutet: Innerhalb eines festgelegten Betriebsbereichs, der sogenannten Operational Design Domain (ODD), übernimmt das System die Fahraufgabe vollständig. Ein menschlicher Rückfallfahrer im Fahrzeug ist innerhalb dieses Bereichs nicht erforderlich.
Level 4 gilt nicht uneingeschränkt. Das System muss nur die Bedingungen beherrschen, für die es entwickelt und freigegeben wurde. Kurze nächtliche Strecke, niedrige Geschwindigkeit, eng definierter Bereich: Das ist die ODD in Edermünde. Die deutsche Autonome-Fahrzeuge-Genehmigungs-und-Betriebs-Verordnung (AFGBV) stellt ebenfalls auf einen festgelegten Betriebsbereich ab.
Einride statt MAN oder Daimler Truck
Bemerkenswert ist, wer diese erste Genehmigung erhalten hat. MAN und Daimler Truck entwickeln Level-4-Systeme seit Jahren. Den ersten kabinenlosen Lkw auf einer öffentlichen Straße brachte Einride bereits 2022 in Tennessee auf die Straße. Das 2016 in Stockholm gegründete Unternehmen hat sein Fahrsystem fahrzeugunabhängig ausgelegt. Es kommt auch in Serien-Elektro-Lkw von DAF zum Einsatz.
Der technische Hintergrund erklärt den scheinbaren Vorsprung. Ein kabinenloses Fahrzeug muss keine Fahrerkabine integrieren, die bei konventionellen Fahrzeugen gesetzliche Mindestanforderungen erfüllen muss. Einride baut das Fahrzeug von Grund auf für den autonomen Betrieb ohne Fahrerplatz.
Skalierung: Lidls Netz als nächster Schritt
Lidl betreibt in Deutschland 39 Verwaltungs- und Warenverteilzentren sowie mehr als 3.250 Filialen. Dieses Netz wird intern als Ausgangspunkt für eine mögliche Ausweitung genannt. Als nächster Schritt steht ein sogenannter Milkrun im Raum: eine Route, die mehrere Filialen nacheinander anfährt. Wie viele Strecken dafür genehmigt werden müssen, ist offen. Der nächste Schritt hängt nach Einride-Angaben an der Zahl freigegebener Routen.
Fazit
Der Pilotbetrieb in Edermünde ist ein regulatorischer Durchbruch, kein operativer Skalierungserfolg. Eine kurze Nachtroute mit Begleitfahrzeug und manuellem Be- und Entladen liegt weit entfernt vom fahrerlosen Vollbetrieb. Für Logistik- und Produktionsverantwortliche ist der Versuch trotzdem relevant: Er zeigt, unter welchen engen Bedingungen Level-4-Betrieb in Deutschland heute genehmigt wird. Und er zeigt, dass der erste Schritt nicht von einem klassischen Nutzfahrzeughersteller kam.




















